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Der Moment, in dem ich mein berufsbegleitendes Psychologiestudium abbrechen wollte – und was mich dennoch gehalten hat

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Es muss im dritten oder vierten Semester gewesen sein. Ich hatte die Uni gewechselt und weil mir viele Kurse nicht anerkannt wurden, hatte ich noch sehr viel Studium vor mir. Ich saß an meinem Schreibtisch. Es war kurz vor Weihnachten und ich schaute auf den Weihnachtsmarkt, der in meiner Straße aufgebaut worden war. Der Arbeitstag war bereits lang und anstrengend gewesen – Ego Depletion at it’s finest. Während die Menschen vor meinem Fenster Glühwein tranken und Quarkbällchen aßen, brütete ich über meinen Unterlagen.

Kognitive Psychologie, irgendetwas über Arbeitsgedächtnis und Kapazitätsgrenzen. Ich hatte es bereits dreimal gelesen und festgestellt, dass meine eigene Kapazitätsgrenze wohl erreicht war, denn nichts blieb hängen.

Und plötzlich fragte ich mich: „Warum tu ich mir das eigentlich an?“ Mir wurde bewusst, dass ich all das freiwillig tat. Dass ich meinen Laptop zuklappen könnte, um rauszugehen und mit meinen Freunden die Weihnachtszeit zu genießen. Warum quälte ich mich so?

Spoiler: Ich habe damals nicht aufgehört. Aber in diesem Moment war es tatsächlich eine ernsthafte Erwägung, das Psychologiestudium abzubrechen. Es war ein Punkt, an dem die Waage in die andere Richtung kippte.

Dieser Artikel ist für dich, wenn du diesen Punkt ebenfalls kennst. Oder wenn du gerade mittendrin bist.

Warum ich das schreibe

Wenn du meinen Blog kennst, dann weißt du, dass ich viel über Motivation, Disziplin und Produktivität schreibe. Meine Artikel haben Titel wie Meine 10 wichtigsten Tools für ein erfolgreiches Psychologiestudium (trotz Job & Kind) oder Fernstudium Psychologie an der Fernuni Hagen: 5 Tipps, um erfolgreich abzuschließen. Diese Artikel sind keinesfalls überflüssig, sicher helfen sie dem einen oder anderen weiter.

Aber was, wenn du gerade ziemlich weit unten bist und nicht weiß, ob du nochmal auftauchen möchtest? Wenn du kurz davor bist, alles hinzuschmeißen und das Psychologiestudium abzubrechen– und innerlich zerrissen bist zwischen Durchbeißen und Aufgeben? Dann bleib bitte dran. Ich sehe dich und ich kenne den Punkt, an dem alles kippt.

Was wirklich passiert war

Ich möchte kurz zu dem Moment zurückgehen, den ich dir eben beschrieben habe. Dass ich kurz davor war, aufzugeben, hatte nämlich nichts mit fehlender Motivation zu tun.

Ich arbeitete zu diesem Zeitpunkt in Vollzeit. Hatte mir eine Selbstständigkeit aufgebaut und die anstrengende Gründungsphase gerade abgeschlossen. Ich plante, mit meinem Partner eine Familie zu gründen und fragte mich, wie das alles zeitlich funktionieren sollte. Zudem hatte ich gerade eine besonders schwierige Klausurenphase hinter mit. Obwohl ich mich angestrengt hatte, waren das Ergebnis anders gewesen, als ich es mir erhofft hatte. Ich hatte wochenlang zu wenig geschlafen und alles gegeben – und irgendwie schien es dennoch nie genug zu sein.

Dann war da dieser Tag im Dezember. Ich saß da, der nächste Abgabetermin stand kurz bevor. Ich wusste schon, dass ich über die Feiertage meine Hausarbeit schreiben und meine Familie kaum sehen würde. Ich war unfassbar erschöpft und spürte: Ich kann das nicht mehr.

Nicht: Ich will nicht. Nicht: Ich habe keine Lust mehr. Sondern: So geht es nicht weiter. Mein Kopf wollte nicht mehr. Mein Körper wollte nicht mehr. Eine Sache, die mich bis dahin angetrieben hatte – diese diffuse Mischung aus Ehrgeiz und Sturheit und dem Wunsch, mir selbst zu beweisen, dass ich das schaffe – war einfach weg.

Was die Psychologie dazu sagt

Was ich damals erlebt habe, entspricht dem, was die Motivationspsychologie als amotivierten Zustand beschreibt – einen Zustand, in dem weder intrinsische noch extrinsische Motivation greift. Man tut etwas nicht mehr, weil man es will. Man tut es auch nicht mehr, weil man muss. Man tut es einfach nicht mehr. Was mir in solchen Momenten wirklich geholfen hat, war ein anderer Umgang mit mir selbst – weniger Drill-Sergeant, mehr Mensch. Kristin Neffs Selbstmitgefühl* hat mich dabei mehr weitergebracht als jede Produktivitätsstrategie.

Edward Deci und Richard Ryan, die Begründer der Selbstbestimmungstheorie, beschreiben drei psychologische Grundbedürfnisse, die erfüllt sein müssen, damit wir dauerhaft motiviert bleiben: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Im berufsbegleitenden Studium werden alle drei regelmäßig auf die Probe gestellt.

  • Autonomie: Du hast zwar eigentlich viel Flexibilität im Studium. In der Realität hast du dann aber doch wenig Kontrolle darüber, wann du lernst – der Job entscheidet, das Kind entscheidet, der Stundenplan entscheidet.
  • Kompetenz: Eine schlechte Klausur kann dein Bild von dir selbst erschüttern, gerade dann, wenn du schon viel geopfert hast.
  • Eingebundenheit: Fernstudium ist strukturell einsam. Du lernst allein, oft nachts, oft ohne jemanden, der versteht, worum es geht.

Wenn alle drei gleichzeitig kippen, kippt auch dein Wille, das Fernstudium durchzuziehen.

Dich interessieren psychcologische Theorien und du möchtest alles in der Tiefe selbst nachlesen? Dann findest du hier den Originaltext von Deci & Ryan* (auf Englisch).

Was ich in diesem Moment nicht brauchte

Ich brauchte keine Erinnerung daran, warum ich angefangen hatte. Die wusste ich noch. Sie hat gerade nur nicht gereicht.

Ich brauchte keine Produktivitätsstrategie. Die hatte ich. Die hat in diesem Moment nichts gebracht.

Ich brauchte kein Du schaffst das! von jemandem, der nicht wusste, wie viel ich schon geschafft hatte – und wie wenig das gerade half.

Was ich brauchte, war jemand, der sagte: Ja. Das ist gerade wirklich viel. Du musst das nicht wegoptimieren. Du darfst einfach kurz innehalten und sagen, dass es viel ist.

Niemand hat das damals zu mir gesagt. Also sage ich es jetzt – rückwirkend an mich selbst, und vorwärtsgerichtet an dich.

Was mich gehalten hat – und es ist nicht das, was du vielleicht denkst

Es war kein Aha-Moment. Kein Gespräch, das alles verändert hat. Kein Artikel, den ich gelesen habe, und danach war wieder alles klar.

Es war eine sehr kleine Entscheidung. Ich sagte mir: Ich mache heute nichts mehr. Vielleicht auch die ganze Woche nicht. Aber ich schreibe mich nicht aus. Noch nicht. Ich gebe mir Zeit.

Das klingt unspektakulär. Vielleicht sogar ein bisschen lächerlich. Aber es war das Einzige, was in diesem Moment möglich war. Nicht: Ich ziehe das jetzt durch. Nicht: Ich glaube wieder an mich. Sondern: Ich warte noch einen Tag.

Und dann noch einen.

Und irgendwann war die Klausurphase vorbei. Mit minimalem Aufwand bin ich einigermaßen durchgeschlittert. Irgendwann war auch die Abgabe überstanden. Ich hatte die Weihnachtsfeiertage nicht daran gearbeitet, sondern in den letzten paar Tagen ein paar lieblose Seiten hingekritzelt – und gerade so bestanden. Ich machte mich dafür nicht fertig, denn ich wusste, es war alles, wozu ich gerade fähig war. Und irgendwann kamen die Kräfte zurück. Ich hatte wieder ein klitzekleines bisschen Kapazität. Und schließlich, ohne dass ich es merkte – war das Gefühl der inneren Leere etwas weniger leer.

Was mich wirklich gehalten hat, war nicht Motivation. Es war Trägheit im besten Sinne des Wortes: die Unfähigkeit, in diesem Moment eine Entscheidung zu treffen. Und eine leise Ahnung, dass Entscheidungen, die man auf dem Tiefpunkt trifft, oft nicht die besten sind.

Was ich heute anders mache

Ich habe nach diesem Abend angefangen, meinen Lernplan anders zu strukturieren. Nicht ehrgeiziger, sondern realistischer. Mit echten Puffern. Mit der expliziten Erlaubnis, Wochen zu haben, in denen weniger geht.

Ich habe aufgehört zu glauben, dass ich jeden Abend lernen muss, um voranzukommen. Manchmal ist Vorankommen: nicht aufhören. Das reicht. Ich verurteile mich nicht mehr (oder zumindest nicht mehr so oft) dafür, unproduktive Tage zu haben, weil ich weiß: Sie sind nötig, um nicht auszubrennen.

Ich habe gelernt, früher zu erkennen, wenn der Tank leer wird. Nicht erst auf dem Tiefpunkt, sondern schon davor.

Wenn du gerade am Tiefpunkt bist

Dann möchte ich dir nicht sagen, dass es wird. Das weiß ich nicht. Ich kenne deine Situation nicht, deine Last, dein Leben.

Aber ich möchte dir sagen: Der Impuls aufzuhören und das Psychologiestudium abzubrechen ist kein Versagen. Er ist ein Signal. Und Signale kann man lesen, ohne ihnen sofort zu folgen.

Du musst heute keine große Entscheidung treffen. Du musst nur entscheiden, ob du heute aufhörst. Und wenn die Antwort noch nicht ist – dann reicht das.

Manchmal ist noch nicht alles, was man braucht.

Kennst du diesen Moment? Ich würde mich sehr über deine Nachricht freuen – per Kontaktformular oder im Newsletter, wo ich regelmäßig über solche Momente schreibe, die zwischen den Zeilen der üblichen Studiumstipps verschwinden. Wer das Gefühl hat, nicht nur Inspiration zu brauchen, sondern echte Begleitung, kann sich gerne mein Coaching-Angebot anschauen.

Dir gefallen meine Inhalte, aber du möchtest dich nicht durch den ganzen Blog einzeln klicken? Dafür habe ich in meinem Buch die wichtigsten Infos zum berufsbegleitenden Fernstudium zusammengefasst.

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