In den letzten Jahren hört und liest man immer öfter den Begriff „Hochsensibilität“. Damit gemeint ist eine Persönlichkeitseigenschaft, die etwa 20 Prozent aller Menschen betrifft. Es handelt sich dabei um Persönlichkeiten, die weniger Reizfilter besitzen. Die Folge davon ist, dass sie mehr aufnehmen, mehr fühlen, mehr beobachten und dadurch häufig auch schneller überreizt sind. Ich höre öfter, dass Menschen über Jahre oder Jahrzehnte nicht so richtig wussten, was mit ihnen eigentlich los ist. Dass sie sich immer ein wenig anders gefühlt haben. Mit der Erkenntnis dessen, dass sie hochsensibel sind, können sie plötzlich ihr Leben in einem neuen und klareren Licht sehen.
Hochsensibilität geht mit einer Vielzahl positiver Aspekte einher, aber auch mit Herausforderungen. Eine ist, dass viele HSPs (= hochsensible Persönlichkeiten) es häufig nicht so leicht in Studium und Beruf haben. Ein Fernstudium jedoch kann dabei helfen, viele dieser Schwierigkeiten zu umschiffen. Warum das so ist, möchte ich dir in diesem Artikel erklären.
Hochsensibilität – was ist das eigentlich?
Hochsensibilität ist keine Krankheit und auch keine Behinderung. Im Gegenteil: Viele HSPs lernen im Laufe ihres Lebens, ihr sensibles Naturell ebenso als Stärke und Ressource wahrzunehmen. In der Psychologie geht man meist davon aus, dass es sich bei der Hochsensibilität um eine komplexe Persönlichkeitseigenschaft handelt. Dennoch ist das Phänomen umstritten. Während die einen der Meinung sind, dass die Eigenschaft natürlicherweise bei etwa 20 Prozent der Menschen (kulturübergreifend) vorkommt, halten andere sie für eine potenzielle Folge von Trauma.
Man geht jedoch davon aus, dass Hochsensibilität auch bei Tieren vorkommt und dass diese Eigenschaft einer Population tatsächlich evolutionäre Vorteile verschaffen kann. So ist es nützlich, wenn es Individuen gibt, die mutig vorangehen und ebenso solche, die vorsichtiger sind und feine Antennen haben, sodass Feinde oder Gefahren früher erkannt werden. Ich persönliche finde den Ansatz am nachvollziehbarsten, der davon ausgeht, dass die Sensibilität (in Bezug auf Reize, äußere sowie innere) als Eigenschaft bei Menschen unterschiedlich ausgeprägt ist. Jene Menschen, die man als HSPs bezeichnen würde, befinden sich auf diesem Spektrum am oberen Ende – mit Folgen für das gesamte Leben.
Merkmale von HSPs
Elaine Aron ist bisher eine der bekanntesten Psychologinnen auf dem Gebiet der Hochsensibilität. Sie entwickelte 1997 die Highly Sensitive Person Scale, den noch immer wichtigsten Fragebogen zur Thematik. Der Fragebogen besteht aus insgesamt 27 Fragen. Wer auf mindestens 14 der Fragen mit „ja“ antwortet, ist mit großer Wahrscheinlichkeit hochsensibel. Unter anderem finden sich im Fragebogen folgende Items:
- Ich bin schnell überfordert von vielen Reizen.
- Ich werde von den Stimmungen anderer Menschen beeinflusst.
- Ich habe ein reiches Innenleben.
- Ich nehme zarte oder feine Düfte, Geschmäcker, Klänge, Kunstwerke wahr und genieße sie.
- Ich bin leicht zu erschrecken.
Die Hochsensibilität bezieht sich als auf eine Vielzahl an Lebenssituationen: Auf die innere Gefühlswelt ebenso wie den Umgang mit äußeren Reizen oder die Beziehung zu anderen Menschen.
Wenn du dich in der Beschreibung wiedergefunden hast und mehr darüber erfahren möchtest, was Hochsensibilität für dein Alltags- und Berufsleben bedeutet, empfehle ich dir das Buch „Hochsensibel – Was tun?“ von Sylvia Harke*. Es gilt als eines der praxisnähsten deutschsprachigen Bücher zum Thema und hilft dir dabei, deine Eigenschaft besser zu verstehen, anzunehmen und konkrete Strategien zu entwickeln, um mit den typischen Herausforderungen des Alltags umzugehen. Kein theorielastiges Nachschlagewerk, sondern ein echter Begleiter für den Alltag.
Eigenschaften hochsensibler Personen
Es gibt eine Reihe von Persönlichkeitseigenschaften, die viele HSPs gemeinsam haben. Dazu gehört, dass sie oft eine reiche innere Welt haben, eher nachdenklich veranlagt sind und lange über Kleinigkeiten nachdenken. Sie reflektieren viel und sehen die Welt aus ihrer ganz eigenen Perspektive. Diese Eigenschaften hängen mit der Verarbeitungstiefe zusammen, die eine Grundlage der Hochsensibilität ist. Dazu kommt, dass die meisten HSPs viele verschiedene Interessen haben, in die sie sich stunden- und tagelang vertiefen können. Darum ist die Studienzeit für HSPs auch häufig eine ganz besondere. Die Uni – ein Ort, an dem man schier unendliches Wissen erfahren kann – ist für ihren feinsinnigen Geist ein wahres Paradies. Doch es gibt auch eine Schattenseite, die das Studium deutlich erschweren kann.
Reizüberflutung im Studium und andere Herausforderungen
HSPs neigen leider auch dazu, äußerst gewissenhaft veranlagt zu sein, bis hin zum Perfektionismus. Besonders im Studium kann ihnen das auf die Füße fallen, da man dort selbst für seine Zeiteinteilung verantwortlich ist. Das bedeutet eben auch, dass einem niemand sagt, wann man genug gemacht und gelernt hat. So kann man einer Hausarbeit theoretisch endlos feilen – es gäbe vermutlich immer noch etwas zu verbessern. Hochsensible können an dieser Stelle in die Falle tappen, sich zu sehr zu verausgaben und kein gesundes Maß zwischen Energieeinsatz und Nutzen zu finden. Wichtig ist es deshalb, dass sie Methoden der Entspannung und Selbstregulierung finden, wie beispielsweise Achtsamkeit, Meditation oder Yoga.
Zudem sind volle Hörsäle und Mensen für Hochsensible meist ein Graus. Man kann sich vorstellen, dass es anstrengend ist, sich in einem Raum zu konzentrieren, in dem viele Menschen sind, wenn einem der Filter fehlt. HSPs hören, sehen und riechen dann vieles gleichzeitig, was es unglaublich anstrengend macht, einen klaren Gedanken zu fassen.
Auch der berufliche Werdegang und die Entscheidung für ein Studienfach fällt vielen Hochsensiblen nicht leicht. Sie haben oft so viele Interessen und Talente, dass sie dazu neigen, sich zu verzetteln. Wie soll man sich dann für einen Weg entscheiden, der die Komplexität der Person, die man ist, möglichst gut abbildet und die vielen Begabungen miteinander vereinbart? Noch dazu ist es den meisten HSPs wichtig, eine Tätigkeit auszuüben, die sinnhaft und erfüllend ist. Gar nicht so leicht, hier die richtige Entscheidung zu treffen – vor allem dann nicht, wenn man zum übermäßigen Analysieren, Nachdenken und zu Perfektionismus neigt.
Ausgleich schaffen und Stress reduzieren
Da Hochsensible außerdem meist mehr Zeit für sich benötigen, um alles zu verarbeiten, was sie am Tag erlebt haben, müssen sie ganz besonders darauf achten, sich zwischen Studium, Arbeit, Freizeit und Sozialleben nicht zu sehr zu verausgaben. Schlimmstenfalls können dann nämlich Depressionen und Burn-Out die Folge sein. Stress ist pures Gift für die Psyche von HSPs. Umso wichtiger ist es daher, dass sie eine Möglichkeit der Studienfinanzierung finden, die es ihnen ermöglicht, noch ausreichend Zeit zum Abschalten und Entspannen zu finden.
Wer hochsensibel ist, weiß oft früh, dass er nicht irgendeinen Job machen möchte – sondern etwas, das wirklich zu ihm passt und das Sinn ergibt. Gleichzeitig ist genau diese Suche für viele HSPs mit enormem Druck verbunden. Das Buch „Die Berufung für Hochsensible“ von Luca Rohleder* geht genau diesen Spagat an: zwischen dem tiefen Bedürfnis nach einem erfüllenden Beruf und der realen Erschöpfungsgefahr, die entsteht, wenn man dabei über seine Grenzen geht. Ein ehrliches und einfühlsames Buch, das hochsensiblen Menschen hilft, ihren eigenen Weg zu finden – ohne dabei auszubrennen.
Fernstudium = die Lösung bei Hochsensibilität?
Ein Fernstudium, zum Beispiel an der Fernuni Hagen, ist für Hochsensible eine ideale Möglichkeit, um Reizüberflutung zu vermeiden. Wenn sie stattdessen in einem reizarmen, ruhigen Raum lernen und sich nicht täglich in öffentlichen Verkehrsmitteln oder anderen lauten, vollen Orten aufhalten müssen, werden sie deutlich mehr mentale Kapazität für das Studium haben.
Den Studienalltag kann man sich zusätzlich noch durch andere Dinge erleichtern:
- eine feste Tagesstruktur etablieren und Zeitpläne machen, die verhindern, dass man noch zu lange am Abend arbeitet
- Pausen einplanen und darauf achten, sich nicht zu überarbeiten
- das Gehirn entlasten, indem man sich Zeit nimmt, um in der Natur zu sein oder Sport zu treiben
- auf ausreichend soziale Kontakte achten – auch introvertierte Menschen können einsam werden!
- den Druck rausnehmen, sofort den perfekten Berufsweg zu finden – es ist okay, eine Weile „auf der Suche zu sein“ und verschiedene Dinge auszuprobieren!
- an vollen / lauten Orten auf Ohrstöpsel oder Noise Cancelling Kopfhörer zurückgreifen
- sich selbst erlauben, mehr Pausen und mehr Zeit für sich zu brauchen
- eine gesunde Distanz zum Studium und zum Arbeitsleben zu finden
Nachteilsausgleich bei Hochsensibilität im Studium: Was ist möglich?
Viele hochsensible Studierende fragen sich, ob ihnen ein offizieller Nachteilsausgleich zusteht – also eine institutionelle Anpassung der Prüfungsbedingungen, die die besonderen Belastungen einer HSP berücksichtigt. Die Antwort ist: Es kommt darauf an.
Hochsensibilität ist rechtlich weder als Behinderung noch als anerkannte Erkrankung eingestuft. Das bedeutet, dass ein Nachteilsausgleich im klassischen Sinne – wie er z. B. für Menschen mit ADHS, Legasthenie oder einer psychischen Erkrankung gewährt wird – bei reiner Hochsensibilität in der Regel nicht automatisch möglich ist.
Wann kann ein Nachteilsausgleich trotzdem beantragt werden?
Wenn bei dir zusätzlich zur Hochsensibilität eine diagnostizierte psychische oder körperliche Erkrankung vorliegt – etwa eine Angststörung, Depression, chronische Erschöpfung oder Reizverarbeitungsstörung – dann hast du unter Umständen sehr wohl Anspruch auf einen Nachteilsausgleich. In diesem Fall ist ein ärztliches oder psychologisches Attest notwendig, das die studienbezogene Beeinträchtigung konkret beschreibt.
Typische Formen des Nachteilsausgleichs im Studium sind:
- Verlängerung der Prüfungszeit (häufig 25–50 %)
- Möglichkeit, Prüfungen in einem separaten, ruhigeren Raum abzulegen
- Erlaubnis zur Nutzung von Hilfsmitteln (z. B. Ohrstöpsel, Noise-Cancelling-Kopfhörer)
- Flexible Abgabefristen bei Hausarbeiten
- Prüfungen in Einzelbetreuung statt im Großgruppenformat
So gehst du konkret vor
Wenn du glaubst, dass ein Nachteilsausgleich für dich in Frage kommt, sind das deine nächsten Schritte:
- Ärztliches oder psychotherapeutisches Attest einholen, das deine studienrelevante Beeinträchtigung beschreibt
- Prüfungsamt oder Studierendensekretariat deiner Hochschule kontaktieren – die meisten Hochschulen haben eigene Formulare und Zuständige
- An Präsenzhochschulen: Oft gibt es einen Beauftragten für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung
- An der FernUni Hagen: Die Beantragung läuft über das Prüfungsamt; relevant ist der Nachweis einer studienbezogenen Beeinträchtigung
Tipp: Auch wenn du keinen formalen Anspruch auf einen Nachteilsausgleich hast, lohnt es sich, das Gespräch mit Lehrenden oder dem Studienbüro zu suchen. Viele Hochschulen sind bereit, individuelle Lösungen zu finden – besonders im Fernstudium, wo die Flexibilität ohnehin größer ist.
Und zuletzt: Hochsensibilität als Superkraft
Viele Hochsensible haben Schwierigkeiten damit, sich selbst so anzunehmen, wie sie sind. Das liegt mitunter daran, dass viele Strukturen in unserer Gesellschaft so aufgebaut sind, dass sie hauptsächlich für die normalsensible Mehrheit funktionieren. Hochsensible machen so immer wieder die Erfahrung, nicht so richtig ins System zu passen. Daraus kann jedoch auch eine große Stärke entstehen – wenn sie lernen, dass es vollkommen in Ordnung ist, den eigenen Weg zu gehen. Das betrifft das Studium und den Berufsalltag genauso wie sämtliche andere Lebenssituationen.
Bist du auch hochsensibel? Oder kennst du Menschen, die es sind? Wenn ja, welchen Umgang habt ihr damit im Kontext Beruf und Studium gefunden?
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