Es ist 20:47 Uhr. Mein Sohn schläft seit zwanzig Minuten. Der Tag war lang – er begann noch vor 5.00 Uhr. Ich setze mich an den Schreibtisch, öffne meine Lernunterlagen, atme einmal durch. Jetzt. Jetzt geht es los.
Dann leuchtet das Babyphone auf.
Ich starre auf den kleinen Bildschirm. Er wälzt sich hin und her. Quengelt. Ich halte die Luft an. Vielleicht schläft er nochmal ein. Vielleicht? Meistens nicht. Das ist kein Ausnahmeabend. Das ist mein Alltag.
Drei Leben in einem
Wenn ich erzähle, dass ich neben meiner Selbstständigkeit und einem Kleinkind berufsbegleitend Psychologie studiere, bekomme ich oft einen Blick, der irgendwo zwischen Bewunderung und lautlosem „Bist du wahnsinnig?“ liegt. Beides ist berechtigt.
Was von außen vielleicht nach einem gut organisierten Leben mit vielen Projekten klingt, fühlt sich von innen manchmal eher an wie drei Vollzeitjobs, die alle gleichzeitig klingeln – und du hast nur zwei Hände und 24 Stunden.
Die Frage, die mir dabei immer wieder gestellt wird: Wie schaffst du das?
Die ehrlichere Frage, die ich mir selbst stelle: Wie hoch ist der Preis, den ich dafür bezahle?
Die Illusion des perfekten Abends
Ich habe eine mentale Liste von Dingen, die ich „wenn der Kleine schläft“ erledigen will. Lernen. Sport. Mit meinem Partner einfach mal zusammensitzen. Vielleicht ein Buch lesen. Vielleicht einfach nichts tun.
Diese Liste ist länger als der Abend. Immer.
Meistens schaffe ich einen Punkt davon – und das auch nur halb. Seit einer Woche versuchen mein Partner und ich, gemeinsam einen Film anzuschauen. Wir sind bei Minute zwanzig. Nicht weil wir ihn langweilig finden. Sondern weil immer irgendetwas dazwischenkommt: das Kind, eine dringende Nachricht von einem Kunden, mein schlechtes Gewissen, weil ich eigentlich noch lernen müsste.
Wir lachen inzwischen darüber. Meistens.
Was wirklich auf der Strecke bleibt
Ich will hier nicht dramatisieren. Mein Leben ist reich – an Aufgaben, ja, aber auch an Bedeutung. Ich liebe meinen Sohn auf eine Art, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Ich liebe meinen Beruf. Ich liebe das Studium, auch wenn es mich regelmäßig an meine Grenzen bringt.
Aber wenn ich ehrlich bin – wirklich ehrlich:
Schlaf. Ich schlafe zu wenig. Nicht dramatisch zu wenig. Nicht so, dass ich im Alltag nicht funktionieren würde. Aber konsequent ein bisschen zu wenig. Dieses leichte Summen im Hintergrund, das man irgendwann gar nicht mehr wahrnimmt, weil es einfach immer da ist.
Meine Partnerschaft. Nicht in dem Sinne, dass sie leidet oder gefährdet wäre. Aber wir haben weniger Zeit füreinander als ich mir wünschte. Wir sind ein gutes Team – im Organisieren, im Abwechseln, im Funktionieren. Was manchmal fehlt, ist das Zwecklose. Ein Abend, der nirgendwo hinführt. Ein Gespräch, das keine Aufgabe löst. Ein zwangloses Miteinander ohne To-Do’s.
Hobbys. Ich habe früher viel Sport gemacht. Ich habe Dinge gelesen, die nichts mit Psychologie zu tun hatten. Ich habe Freunde getroffen, spontan, ohne Terminplanung drei Wochen im Voraus. Das gibt es alles noch – aber seltener, geplanter, mit einem leisen schlechten Gewissen im Hintergrund, weil ich eigentlich immer gerade etwas anderes tun sollte.
Dauernd unter Strom
Das Wort, das mir dazu einfällt, ist: Anspannung. Nicht Überlastung, nicht Burnout – einfach diese konstante, leise Anspannung. Der Körper, der nie ganz zur Ruhe kommt. Das Gefühl, immer in Bereitschaft zu sein. Für das Baby. Für Kunden. Für die nächste Prüfung.
Ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich meditiere regelmäßig. Ich schreibe ein Journal. Ich sage öfter Nein als früher und setze meine Prioritäten klarer.
Aber ich wäre unehrlich, wenn ich täte, als hätte ich alles vollständig im Griff. Die Wahrheit ist: Ich jongliere. Manchmal fällt etwas runter. Dann hebe ich es auf und fange wieder an.
Warum ich es trotzdem tue
Hier könnte ich jetzt schreiben, dass sich alles lohnt und du das auch schaffst. Das stimmt vermutlich sogar – aber es wäre auch ein bisschen billig.
Was ich stattdessen sagen möchte: Ich tue es, weil es sich für mich richtig anfühlt. Nicht weil es einfach ist. Nicht weil ich eine Methode gefunden habe, die alles löst. Sondern weil das, was ich dafür aufgebe, im Moment weniger wiegt als das, was ich dafür bekomme.
Das ist keine universelle Antwort. Für manche Menschen wäre diese Gleichung anders. Und das wäre auch okay.
Aber wenn du gerade in einer ähnlichen Situation steckst – wenn du auch das Gefühl kennst, immer ein bisschen zu kurz zu kommen, nie ganz fertig zu sein, nie ganz anzukommen – dann möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein damit. Und nein, du machst es nicht falsch.
Du jonglierst vermutlich einfach zu viele Bälle.
Wie geht es dir damit? Was leidet bei dir am meisten, wenn du Studium, Beruf und Familie unter einen Hut bringst? Ich freue mich wirklich über deinen Kommentar – gerade bei diesem Thema.
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