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Studieren mit Kind – was wirklich hilft

Es gibt diesen Satz, den ich in den ersten Wochen nach der Geburt meines Sohnes oft gedacht habe: Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll. Nicht das Stillen. Nicht den Schlafmangel. Sondern: das Studium noch obendrauf. Wann sollte ich die Zeit finden, um mich auf den nächsten Prüfungsblock vorzubereiten? Wie zum Henker konnte ich es schaffen, die Seminararbeit fertig bekommen, die noch irgendwo auf meiner Festplatte auf mich wartete? An vielen Tagen kam es mir schwierig genug vor, regelmäßig zu essen und zu duschen. Ich merkte, dass das Leben mit einem kleinen Menschen zwar wunderschön ist – aber auch alles langsamer macht und klare Prioritäten erfordert.

Wenn du diesen Artikel liest, bist du vielleicht gerade in einer ähnlichen Situation. Vielleicht bist du schwanger und fragst dich, ob du das wirklich hinbekommst. Vielleicht bist du frisch Mutter oder Vater und suchst nach Wegen, wie ein berufsbegleitendes Studium und Kind gleichzeitig funktionieren können. Vielleicht überlegst du, ob du überhaupt weitermachen sollst, ob du eine Pause brauchst oder dein Studium ganz hinwirfst.


Zuerst: Was du realistisch erwarten kannst

Studieren mit Kind ist machbar. Das ist die gute Nachricht. Die weniger bequeme: Es funktioniert (für mich zumindest) anfangs nur sehr, sehr langsam. Wie und in welchem Umfang ich selbst mein Studium wieder aufgenommen habe, erfährst du in diesem Artikel.

Wer mit Kind studiert, muss lernen, in einer anderen Zeitlogik zu denken. Nicht mehr „wie viel schaffe ich pro Semester?“, sondern „wie viel schaffe ich pro Woche realistisch – in guten Wochen und in schlechten?“

Was ich in dieser Zeit gelernt habe: Perfektionismus ist der größte Feind des Weitermachens. Wer nur dann lernt, wenn er sich 100 Prozent konzentrieren kann, lernt mit Kind selten. Wer lernt, auch mit 60 Prozent präsent zu sein, kommt voran.

Es wird Wochen geben, da klappt alles besser als gedacht. Da hast du vielleicht Unterstützung, dein Kind schläft gut, du hast Energie, um die Schläfchen für dein Studium zu nutzen. Dann gibt es Wochen, da geht nichts. Dein Baby macht vielleicht gerade einen Entwicklungsschub durch, bekommt Zähne oder eine Erkältung. Du bist 24/7 gefragt und hast selbst ohne Studium Augenringe bis zum Mond. Und lernen mit akutem Schlafmangel, das ist kaum möglich – den Zusammenhang zwischen Schlaf und Lernen erkläre ich ausführlicher in diesem Artikel. Das musst du mit einplanen, um letztendlich alle Deadlines zu schaffen.

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Welches Studienmodell macht den Unterschied?

Nicht alle Studienmodelle sind gleich gut mit Kind vereinbar:

Fernstudium: Das flexibelste Modell. Du lernst dann, wenn das Kind schläft – und das ist oft früh morgens, in der Mittagspause oder abends nach dem Einschlafen. Keine Anwesenheitspflicht, kein fester Stundenplan. Ich habe selbst an der Fernuni Hagen studiert und kann sagen: Wenn es ein Studienmodell gibt, das mit Kind funktioniert, dann dieses. Der Haken: Die Einsamkeit des Fernstudiums wird mit Kind nicht kleiner – eher größer. Lerngruppen und Online-Communities sind dann keine netten Extras, sondern Life Saver.

Berufsbegleitendes Präsenzstudium: Feste Abend- oder Wochenendtermine geben Struktur – können aber mit wechselnden Betreuungssituationen kollidieren. Hier hilft frühzeitiges Planen: Wer übernimmt das Kind an Seminarabenden? Was passiert, wenn das Kind krank ist?

Vollzeitstudium in Präsenz: Das schwierigste Modell mit Kind. Nicht unmöglich – aber es braucht ein sehr stabiles Betreuungsnetz und idealerweise einen Partner oder eine Partnerin, die ebenfalls Elternzeit nimmt oder zumindest flexibel ist. Der Nachteilsausgleich an deiner Uni ist hier dein wichtigstes Instrument.


Der Nachteilsausgleich – und warum du ihn sofort beantragen solltest

Der Nachteilsausgleich ist eine individuelle Anpassung deiner Studien- und Prüfungsbedingungen – und er steht dir als studierendem Elternteil in den meisten Bundesländern und an den meisten Hochschulen zu.

Was das konkret bedeuten kann:

  • Verlängerte Bearbeitungszeiten bei Hausarbeiten und Klausuren
  • Alternative Prüfungsformate (z.B. Hausarbeit statt Referat)
  • Möglichkeit, häufiger zu fehlen, ohne den Leistungsnachweis zu verlieren
  • Seminare online absolvieren zu können
  • Flexiblere Abgabefristen bei der Bachelorarbeit

Der Antrag wird in der Regel beim Prüfungsamt gestellt. Für die Kinderbetreuung reicht in vielen Fällen der Mutterpass oder die Geburtsurkunde als Nachweis. Wichtig: Beantrage den Nachteilsausgleich so früh wie möglich – am besten schon vor dem ersten Semester mit Kind, nicht erst wenn die erste Krise da ist.


Wann ist ein guter Zeitpunkt zum Weitermachen?

Diese Frage höre ich oft. Du darfst dich von der Vorstellung frei machen, dass es einen perfekten Zeitpunkt gibt – der existiert nicht. Was es gibt, ist eine Abwägung. Drei Faktoren bestimmen meiner Erfahrung nach, ob Studium mit Kind in einer bestimmten Phase funktioniert:

1. Betreuungssituation: Gibt es verlässliche Betreuung – Kita, Tagesmutter, Partner, Großeltern? Ohne das läuft nicht viel. Nicht weil man keine gute Mutter oder kein guter Vater wäre, sondern weil Lernen Konzentration braucht, und Konzentration braucht Zeit ohne unmittelbare Verantwortung für ein kleines Wesen.

2. Studienformat: Im Fernstudium ist ein früherer Wiedereinstieg realistischer als im Präsenzstudium. Wer berufsbegleitend studiert und selbst bestimmt, wie viele Module er pro Semester belegt, hat mehr Spielraum als jemand mit einem vorgegebenen Stundenplan.

3. Eigene Kapazität: Das klingt banal, ist es aber nicht. Wer im ersten Jahr nach der Geburt mit wenig Schlaf, hormonellen Veränderungen und dem emotionalen Gewicht der neuen Rolle kämpft, braucht sich nicht zu zwingen. Zwei oder drei ruhige Monate sind keine verschwendete Zeit – sie können der Unterschied sein zwischen Abbruch und Weitermachen.


Zeitmanagement mit Kind: Was wirklich funktioniert

Klassische Produktivitätstipps – Pomodoro, To-do-Listen, Morgenroutinen – stoßen mit Kind an ihre Grenzen. Nicht weil sie schlecht sind, sondern weil sie voraussetzen, dass du deine Zeit kontrollierst. Mit einem Kleinkind tue ich das nur bedingt.

Was mir geholfen hat:

Feste Lernfenster statt spontaner Lernzeit. Wenn mein Sohn schläft, könnte ich lernen. Aber ich könnte auch endlich aufräumen, kurz dösen oder einfach atmen. Ohne bewusste Entscheidung gewinnt meistens alles andere. Feste Lernblöcke – zum Beispiel jeden Abend eine Stunde nach dem Einschlafen – sind verlässlicher als spontane Entschlüsse.

Den Partner oder die Partnerin einplanen. Nicht als Babysitter auf Abruf, sondern strukturell. Bei uns war es der Sonntagvormittag: Mein Partner hatte exklusiv Zeit mit unserem Sohn, ich saß im Café. Das war keine Ausnahme, sondern fester Bestandteil unserer Woche.

Weniger Module, konsequenter abschließen. Lieber ein Modul pro Semester wirklich fertig bringen als drei anfangen und nichts abgeben. Das klingt langsam – und ist es auch. Aber ein verlängertes Studium ist kein Versagen. Es ist ein realistischer Plan, der dich nicht ins Burnout treibt.

Notenschnitt loslassen. Im Psychologiestudium gibt es Notendruck – für den Master, für bestimmte Spezialisierungen. Das ist real. Aber in der Phase mit kleinem Kind ist ein 2er-Schnitt, mit dem man fertig wird, mehr wert als ein theoretischer 1er-Schnitt, mit dem man abbricht.


Finanzierung: Was dir zusteht

Das Thema Geld ist komplex – und individuell genug, dass ich hier nur einen Überblick gebe. Was grundsätzlich möglich ist:

  • Elterngeld: Steht auch Studierenden zu, die vorher kein Einkommen hatten. Die Höhe hängt vom Einkommen der letzten zwölf Monate vor der Geburt ab – wer nebenbei gejobbt hat, bekommt mehr.
  • Kindergeld: Aktuell etwa 259 Euro pro Monat und Kind. Die genauen Beträge ändern sich regelmäßig – prüfe die aktuellen Zahlen direkt beim Familienportal des Bundesministeriums.
  • BAföG mit Kinderbetreuungszuschlag: Wenn du grundsätzlich BAföG-berechtigt bist, kannst du einen Zuschlag für die Kinderbetreuung beantragen. Dieser wird nicht auf das BAföG angerechnet.
  • Kinderzuschlag: Wenn das Einkommen der Eltern nicht ausreicht, um den Unterhalt des Kindes zu decken, kann dieser zusätzlich beantragt werden.
  • Mutterschaftsgeld: Wenn du vor der Geburt neben dem Studium angestellt warst.

Die genauen Voraussetzungen sind individuell. Eine gute erste Anlaufstelle ist das Studentenwerk deiner Stadt – die meisten bieten kostenlose Sozialberatung an, speziell für Studierende mit Kind. Dort bekommst du auch Informationen zu Kita-Plätzen an der Hochschule, die viele Universitäten inzwischen anbieten.

Wer sich einen kompakten Überblick über alle organisatorischen Fragen rund ums Elternsein verschaffen möchte – Elterngeld, Elternzeit, Finanzen, Formulare – dem empfehle ich das Buch – es folgt ein Affiliate-Link – „Babypedia“ von Anne Nina Simoens und Anja Pallasch*. Gerade wenn neben dem Baby auch noch Studium koordiniert werden muss, ist es Gold wert, nicht alles selbst zusammensuchen zu müssen.


Anlaufstellen, die wirklich helfen

Studieren mit Kind ist keine Nischensituation mehr – und die Unterstützungsstrukturen an deutschen Hochschulen haben sich in den letzten Jahren verbessert. Was es gibt und wo du es findest:

  • Gleichstellungsbüro deiner Hochschule: Oft erste Anlaufstelle für alle Fragen rund um Studium und Familie. Auch für den Nachteilsausgleich.
  • Sozialberatung des Studentenwerks: Finanzierungsfragen, BAföG, Kindergeld – hier sitzen Fachleute, die das täglich machen.
  • Elternservicebüros: Viele große Universitäten haben inzwischen eigene Beratungsstellen speziell für Studierende mit Kind, mit Informationen zu Kita-Plätzen, Stillräumen und flexiblen Studienmodellen.
  • Psychologische Beratungsstelle der Uni: Nicht nur für Krisen. Auch für Prüfungsangst, Überforderung, das Gefühl, nirgendwo wirklich gut genug zu sein. Diese Beratung ist kostenlos und anonym.
  • Online-Communities: Gruppen für studierende Eltern – bei Facebook, Reddit oder in den offiziellen Foren der Fernuni – können eine echte Stütze sein, besonders im Fernstudium, wo der soziale Kontakt sonst fehlt.

Was ich heute anders machen würde

Ich würde früher um Hilfe bitten. Nicht erst, wenn es zu viel wird, sondern von Anfang an.

Ich würde den Nachteilsausgleich früher beantragen – am besten schon in der Schwangerschaft, nicht erst nach der Geburt wenn alles gleichzeitig passiert.

Ich würde mir erlauben, langsamer zu sein. Nicht weil ich weniger will, sondern weil langsamer und fertig besser ist als schnell und abgebrochen.

Und ich würde mir von Anfang an sagen: Das hier ist keine Zwischenlösung. Das ist ein vollwertiger Lebensabschnitt. Kind und Studium schließen sich nicht aus. Sie verändern sich gegenseitig – meistens zum Besseren.


FAQ

Kann ich auch im ersten Jahr nach der Geburt studieren? Ja – wenn die Betreuungssituation es erlaubt und das Studienformat flexibel genug ist. Im Fernstudium ist das realistischer als im Präsenzstudium. Sei ehrlich mit dir, was du wirklich leisten kannst – und beantrage den Nachteilsausgleich.

Was ist, wenn ich das Studium unterbrechen muss? Eine Beurlaubung ist an den meisten Hochschulen möglich und bedeutet keine Exmatrikulation. Du kannst dir ein oder zwei Semester Pause nehmen, ohne deinen Studienplatz zu verlieren. Informiere dich beim Prüfungsamt über die genauen Fristen.

Verliere ich BAföG, wenn ich ein Kind bekomme? Nicht automatisch. Es gibt einen Kinderbetreuungszuschlag und die Möglichkeit, die Förderungshöchstdauer zu verlängern. Lass dich beim Studentenwerk beraten.

Wie erkläre ich meinen Dozierenden, dass ich ein Kind habe? Du musst das nicht erklären – du kannst einfach den Nachteilsausgleich vorlegen. Er spricht für sich. Wer trotzdem das Gespräch suchen möchte: Die meisten Dozierenden reagieren verständnisvoll, wenn man frühzeitig und offen kommuniziert.


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