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Was Psychologie mir über meinen Freundeskreis beigebracht hat – ungebeten

Es gibt einen Abend, an den ich noch öfter denke, weil das irgendwie ein Schlüsselmoment war – auch wenn er objektiv betrachtet gar nicht so groß scheint. Die Szene war folgende: Wir saßen zu viert in unserer Küche, Wein auf dem Tisch, mein Sohn schlief im Zimmer nebenan. Es war einer dieser Abende, die man sich wochenlang vornimmt und die dann endlich stattfinden. Die man immer wieder verschieben muss, weil jeder mittlerweile ein volles Leben hat. Ich war an dem Tag müde – die Art von müde, die sich nach Monaten aufstaut und die nicht mehr mit Schlaf weggeht. Aber ich war da. Ich wollte da sein und ich wollte endlich einen Abend mit meinen Freundinnen verbringen.

Irgendwann fragte meine Freundin, ich nenne sie hier mal „Anna“, wie das Studium so läuft.

Ich holte kurz Luft. Fing an zu erklären, was gerade passiert: dass ich gerade eine Klausurphase hinter mir hatte, die ich irgendwie neben dem Kind und dem Job durchgeboxt hatte. Dass ich manchmal nicht mehr wusste, welcher Wochentag es war oder wann ich das letzte Mal geduscht oder gegessen hatte. Dass ich stolz auf mich war – und gleichzeitig leer.

Die Antwort von Anna kam schnell: „Du machst dir das selbst aber auch so schwer. Du könntest doch einfach ein Semester pausieren oder dein Kind endlich in die Kita geben.“

Ich habe mit den Schultern gezuckt. Habe das Thema gewechselt. Habe den (alkoholfreien) Wein ausgetrunken.

Aber innerlich habe ich etwas gespürt, das ich damals noch nicht benennen konnte. Ein leises, unangenehmes Pieksen in der Brust. Heute kann ich besser sagen, was dieses Pieksen war.


Was passiert, wenn du anfängst, Menschen zu verstehen

Das Tückische am Psychologiestudium ist, dass es nicht bei den Lehrbüchern bleibt.

Die meisten denken, dass du plötzlich anfängst, psychische Störungen ungefragt in deinem Umfeld zu erkennen und zu diagnostizieren. Ich möchte nicht leugnen, dass das manchmal der Fall ist. Aber noch häufiger passiert es, dass du kleine, feine Dynamiken wiedererkennst – und das ist nicht immer einfach.

Du lernst über kognitive Verzerrungen – und erkennst sie plötzlich in Gesprächen. Dann lernst du über Bindungstheorie – und siehst auf einmal Muster, die du vorher einfach als „so ist die Person halt“ abgetan hast oder verstehst deine eigenen Beziehungen ganz neu. Du lernst über Kommunikation, über Abwehrmechanismen, über das, was Menschen sagen, wenn sie eigentlich etwas ganz anderes meinen.

Niemand hat mich davor gewarnt, dass das auch wehtun kann.

Nicht weil die Menschen in meinem Leben plötzlich schlechter geworden wären. Sondern weil ich aufgehört habe, bestimmte Dinge einfach hinzunehmen. Weil mir Worte nicht mehr einfach durch den Kopf rauschten, sondern irgendwo hängen blieben und ich mich immer öfter fragte: Was steckt da eigentlich dahinter?


Der Satz, der mich nicht losließ

„Du machst dir das selbst so schwer.“

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum mich dieser Satz so getroffen hat. Auf der Oberfläche klang er fürsorglich. Vermutlich war er von Anna auch Fürsorglich gemeint. Aber darunter lag etwas, das ich im Studium als Invalidierung kennengelernt habe: die – oft unbewusste – Botschaft, dass das, was du gerade erlebst, nicht so schwer sein sollte wie du es empfindest.

Menschen tun das nicht aus Bosheit. Meistens tun sie es, weil es ihnen selbst unwohl ist, jemanden in einer Situation zu sehen, den sie nicht retten können. Weil sie etwas Hilfreiches beisteuern wollen, aber nicht wissen, was. Weil „du könntest ja auch pausieren“ einfacher ist als: „Ich sehe (und fühle), wie viel du gerade trägst.“ Damit landet die Verantwortung für das Gefühl bei dir – nicht bei der Situation, die es ausgelöst hat oder bei anderen Faktoren, die eventuell komplex oder unbeeinflussbar sind.

Warum machen Menschen das? Weil es schwer auszuhalten ist, jemanden leiden zu sehen, dem man nicht helfen kann. Weil echtes Zuhören – ohne Lösungen, ohne Relativierungen, ohne das Bedürfnis, die Situation irgendwie zu glätten – eine Fähigkeit ist, die die wenigsten je gelernt haben. Wir wachsen nicht damit auf, mit Ohnmacht umzugehen. Wir wachsen damit auf, Probleme zu lösen. Und wenn jemand ein Problem hat, das wir nicht lösen können, greifen viele instinktiv zur nächstbesten Option: das Problem kleinzureden.


Was ich über Nähe gelernt habe – auf die harte Tour

Irgendwann im dritten Semester habe ich angefangen zu verstehen, was emotionale Verfügbarkeit wirklich bedeutet.

Nicht ob jemand physisch anwesend ist. Nicht ob jemand antwortet, wenn du schreibst. Sondern ob jemand wirklich da ist, wenn es zählt – auch wenn es unbequem wird. Auch wenn deine Realität gerade nichts ist, womit sie etwas anfangen können.

Ich habe gemerkt, dass manche Freundschaften in meinem Leben sehr schön waren – solange alles leicht war. Gemeinsame Urlaube, lustige Abende, oberflächliche Updates. Aber sobald ich anfing, wirklich zu erzählen – nicht die Version, die für Smalltalk taugt, sondern die echte – wurde es seltsam still.

Das hat mich traurig gemacht. Und dann hat es mich klarer gemacht in Bezug auf die Beziehungen, die ich wirklich leben möchte.


Die Freundschaften, die geblieben sind

Ich möchte hier etwas klarstellen, bevor es missverständlich wird. Es geht nicht darum, Freunde zu haben, die immer verfügbar sind. Die um 3 Uhr nachts ans Telefon gehen, wenn man mal wieder nicht schlafen kann. Die jede Klausurphase mitfiebern und jeden schlechten Tag auffangen. Das ist ein Bild von Freundschaft, das ich lange für erstrebenswert gehalten habe – und das ich inzwischen für ziemlich unrealistisch halte.

Wir alle haben unsere eigenen Kämpfe. Unsere eigenen schlaflosen Nächte, unsere eigene Erschöpfung, unsere eigenen Momente, in denen nichts mehr geht. Niemand kann für jemand anderen jederzeit alles sein. Und wer das erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden – nicht weil die Menschen in seinem Leben versagen, sondern weil die Erwartung selbst nicht trägt.

Was ich mir stattdessen gewünscht habe – und was ich in den Freundschaften gefunden habe, die wirklich geblieben sind – ist etwas anderes: Echtheit.

Was sind „echte“ Freundschaften?

Es gibt eine Freundin, die mich einmal mitten in der Woche per Nachricht angeschrieben hat. Nicht mit „Wie geht’s?“ – dem Satz, auf den man fast automatisch „Gut, danke“ antwortet. Sondern mit: „Ich hab gerade an dich gedacht. Ist gerade viel bei dir?“ Und dann hat sie zugehört. Ohne zu bewerten. Ohne gleich eine Lösung parat zu haben. Das klingt nach wenig. Aber für jemanden, der gerade jongliert – Kind, Job, Studium, die eigene Erschöpfung, das schlechte Gewissen, das einem dabei nicht von der Seite weicht – ist genau das das Meiste, was jemand tun kann.

Was diese Freundschaften gemeinsam haben: Ich muss nicht funktionieren. Ich muss nicht die Version von mir zeigen, die alles im Griff hat. Ich kann auch sagen: „Es ist gerade wirklich schwer, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich das alles hinkriegen soll.“ Und die Antwort ist kein Ratschlag, kein Relativieren, kein „Aber du schaffst das!“ – sondern einfach: Ja. Ich höre dich.

Das ist es, was ich mit Echtheit meine. Nicht Verfügbarkeit rund um die Uhr. Sondern die Bereitschaft, sich wirklich zu zeigen – und den anderen wirklich zu sehen. Ich habe im Studium gelernt, was soziale Unterstützung wirklich bedeutet – und dass sie meistens nicht in großen Gesten liegt, sondern in kleinen Momenten echter Aufmerksamkeit. In dem Gefühl: Diese Person sieht mich wirklich. Nicht die Fassade. Mich.Ich habe angefangen, genauer hinzuschauen, wer diese Momente schafft. Und ich habe angefangen, meine Energie bewusster dorthin zu lenken.


Was ich heute anders mache

Ich versuche nicht mehr, mein Studium zu erklären, wenn ich merke, dass jemand eigentlich gar nicht zuhört. Das klingt kalt, ist es aber nicht. Es ist Selbstschutz – und eine Form von Respekt, weil ich dem anderen damit erspare, etwas vorzuspielen.

Ich habe gelernt, deutlicher zu sagen, was ich brauche. Nicht als Vorwurf, sondern als Information. „Ich brauche gerade nicht, dass du mir sagst, was ich anders machen könnte. Ich brauche nur, dass du zuhörst.“ Das überfordert manche Menschen. Und das ist okay.

Und ich habe gelernt, dass sich Freundschaften verändern dürfen – dass das nicht bedeutet, dass sie gescheitert sind. Manchmal wächst man auseinander. Manchmal wächst man in verschiedene Richtungen, und das Schöne, was war, bleibt trotzdem schön.


Was das alles mit dem Studium zu tun hat

Wenn mich jemand fragt, was ich im Psychologiestudium gelernt habe, denke ich zuerst an die Klausuren, die ich bestanden habe. An die Nächte, die ich durchgehalten habe. An das Wissen, das ich mir aufgebaut habe.

Aber wenn ich ehrlich bin, ist das Größte etwas, das ich nicht erwartet hatte: Ich sehe Menschen klarer. Ich sehe mich klarer. Und ich habe aufgehört, so zu tun, als wären Beziehungen einfach da – nur weil sie schon lange bestehen.

Das berufsbegleitende Studium hat mich vieles gekostet. Zeit, Energie, manchmal den Schlaf, der eigentlich beim Lernen so wichtig ist. Aber es hat mir auch etwas zurückgegeben, das ich nicht mehr hergeben möchte: die Fähigkeit, zu unterscheiden, welche Verbindungen mich tragen – und welche mich nur beschäftigen.


Kennst du das – dass Wissen manchmal wehtut, weil du Dinge nicht mehr so einfach ignorieren kannst wie vorher? Ich würde gerne wissen, wie das bei dir ist. Schreib mir gerne in die Kommentare oder melde dich direkt.

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