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Psychotherapeut/in werden: Was mir niemand vorher gesagt hat

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, in dem ich zum ersten Mal ernsthaft gegoogelt habe, wie man Psychotherapeutin wird. Ich saß an meinem Schreibtisch, Tee dabei (bevor ich berufsbegleitend studiert habe, hielt sich mein Kaffeekonsum noch in Grenzen) und dachte: Das wird eine kurze Recherche. Psychologie studieren, irgendwie in eine Praxis kommen – fertig.

Zwei Stunden später starrte ich auf ein Dutzend Tabs und verstand weniger als vorher.

Approbation, PsychThG-Reform, PiW-Phase, Richtlinienverfahren, Heilpraktikergesetz – alles Begriffe, die ich noch nie gehört hatte. Und überall diese vagen Formulierungen: „Die Dauer kann variieren“, „je nach Bundesland“, „in Abhängigkeit von der Ausbildungsstätte“. Oh man. Mein Kopf rauchte.

Diese Erfahrung würde ich dir gern ersparen. Er kann dir natürlich eine eigene Recherche nicht ersetzen – aber hoffentlich zumindest ein paar erste Antworten liefern und dir eine Übersicht geben.

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Zuerst: Wer ist eigentlich wer?

Bevor wir in die Details gehen, müssen wir kurz klären, wer eigentlich was darf. Denn in keinem Berufsfeld habe ich so viel Verwirrung erlebt wie hier – auch unter Leuten, die sich eigentlich auskennen sollten.

Psychologische Psychotherapeut/innen

Das ist der Beruf, den die meisten meinen, wenn sie sagen „ich will Psycholog/in werden“. Und hier hat sich seit Einführung des PsychThG 2020 (Psychotherapeutengesetz) einiges grundlegend verändert – mehr dazu gleich.

Psychologische Psychotherapeut/innen haben eine Approbation. Das bedeutet: Sie dürfen eigenständig Patient/innen behandeln und ihre Therapien über die Krankenkassen abrechnen. Sie arbeiten ausschließlich mit Gesprächstherapie – in einem der vier in Deutschland zugelassenen Verfahren: Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Verhaltenstherapie oder Systemische Therapie. Medikamente dürfen sie nicht verschreiben.

Psychiater/innen (ärztliche Psychotherapeut/innen)

Psychiater/innen haben Medizin studiert und anschließend eine Facharztausbildung (ca. 5 Jahre) absolviert. Der entscheidende Unterschied: Sie dürfen Medikamente wie Antidepressiva oder Antipsychotika verschreiben.

In der Praxis sieht es oft so aus: Psychiater/innen übernehmen die medikamentöse Einstellung, für intensive Gesprächstherapie überweisen sie an psychologische Psychotherapeut/innen weiter. Diese Arbeitsteilung wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig nicht verstanden – und führt zu viel Verwirrung bei der Therapeutensuche.

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/innen (KJP)

Bis 2020 war es möglich, diese Ausbildung nach einem Pädagogik- oder Sozialpädagogikstudium zu absolvieren. Das hat sich geändert. Nach der Reform ist ein Psychologiestudium oder das neue Direktstudium Psychotherapie zwingend erforderlich.

Wichtige Ausnahme: Wer vor 2020 mit dem Pädagogik- oder Sozialpädagogikstudium begonnen hat, hat noch bis 2032 Zeit, sich nach der alten Ordnung einzuschreiben und abzuschließen.

Heilpraktiker/in für Psychotherapie

Der kürzere Weg – mit anderen Spielregeln. Keine Approbation, kein Hochschulabschluss nötig. Stattdessen: eine Heilpraktikerprüfung vor dem Gesundheitsamt, vorbereitet durch einen Kurs von ca. 6 Monaten (oder autodidaktisch, z.B. – Achtung, es folgt ein Affiliate-Link – mit diesem Buch hier).

Was dieser Weg bringt: therapeutisch arbeiten dürfen, Methodenfreiheit jenseits der vier Richtlinienverfahren (z.B. Gestalttherapie, Hypnotherapie, Tanztherapie).

Was er nicht bringt: Kassenabrechnung. Heilpraktiker/innen für Psychotherapie arbeiten ausschließlich mit Selbstzahlern – und sind auf bestimmte Störungsbilder beschränkt. Depressionen und Angststörungen ja, Psychosen nein.

Meine ehrliche Einschätzung: Dieser Weg wird in der Fachöffentlichkeit oft kritisch gesehen, weil die Zugangsvoraussetzungen vergleichsweise niedrig sind. Das bedeutet nicht, dass man ihn nicht ernsthaft gehen kann – aber man muss wissen, worauf man sich einlässt, und entsprechend intensiv in Weiterbildung investieren.

Coach / psychologische Beratung

Coaching und psychologische Beratung darf in Deutschland theoretisch jeder anbieten. Die Berufsbezeichnungen sind nicht geschützt. Das macht sie für manche attraktiv – und für Patient/innen mit echten psychischen Erkrankungen manchmal gefährlich. Coaching macht Sinn für Lebenskrisen und berufliche Themen ohne klinischen Hintergrund – nicht als Ersatz für Psychotherapie.


Alle Wege im Überblick

BerufVoraussetzungApprobation?Kassenabrechnung?Typische Dauer
Psychologische/r Psychotherapeut/inDirektstudium Psychotherapie (ab 2020) oder Psychologiestudium + Therapieausbildung (vor 2020)JaJa7–8 Jahre
Ärztliche/r Psychotherapeut/in / Psychiater/inMedizinstudium + FacharztausbildungJaJa10–12 Jahre
KJPDirektstudium Psychotherapie (ab 2020) oder Pädagogik/Sozialpädagogik mit Übergangsregelung bis 2032JaJa7–8 Jahre
Heilpraktiker/in für PsychotherapieHeilpraktikerprüfungNeinNeinca. 6–12 Monate
Coach / psychologische BeratungKeineNeinNeinVariiert

Die Reform von 2020: Der Wendepunkt, den viele noch nicht kennen

Das ist der Punkt, über den ich am meisten recherchiert habe – und an dem ich mir selbst die meisten falschen Vorstellungen gemacht hatte.

Vor 2020 lief der Weg zur Approbation so: Psychologiestudium (Bachelor + Master), dann eine private Therapieausbildung an einem Lehrinstitut – auf eigene Kosten, meist 20.000 bis 30.000 Euro, Eigentherapie und Supervision noch nicht eingerechnet. Das war lange der Standard. Viele Therapeut/innen, die heute praktizieren, haben ihn so gemacht.

Seit 2020 gibt es das Direktstudium Psychotherapie: ein eigenständiger Studiengang, der von Anfang an auf die therapeutische Arbeit ausgerichtet ist. Nach dem Masterabschluss folgt die sogenannte PiW-Phase – dazu gleich mehr. Die teure private Ausbildung entfällt.

Was bedeutet das für dich konkret?

  • Wenn du jetzt anfängst zu studieren: Du gehst fast zwingend den neuen Weg – denn das Direktstudium Psychotherapie hat den alten weitgehend abgelöst.
  • Wenn du schon Psychologie studierst oder studiert hast: Informiere dich genau, welche Übergangsregelungen für dich gelten. Das ist individuell und hängt vom Zeitpunkt deines Studienbeginns ab.
  • Wenn du überwiegend mit Kindern und Jugendlichen arbeiten möchtest: Prüfe die KJP-Übergangsregelung bis 2032, falls du bereits Pädagogik studiert hast.

Die PiW-Phase: Der Teil, den keiner so richtig erklärt

„PiA“ stand lange für „Psychotherapeut/in in Ausbildung“ – und war berüchtigt. Wer Psychologie studiert hatte, musste anschließend eine private Ausbildung an einem Lehrinstitut absolvieren und dabei Patient/innen behandeln – für symbolische Vergütung oder gar nichts. Das war rechtlich umstritten und führte 2020 zum Umdenken.

Heute steht PiW für „Psychotherapeut/in in Weiterbildung“ – und das ist der entscheidende Unterschied.

Nach dem Masterabschluss im Direktstudium bist du bereits approbiert. Aber diese Approbation erlaubt noch keine eigenständige Niederlassung. Was folgt, ist eine ca. 2–3-jährige Weiterbildung in einem der zugelassenen Therapieverfahren (z.B. Verhaltenstherapie oder Systemische Therapie).

In dieser Zeit arbeitest du in einer anerkannten Weiterbildungsstätte – einer Klinik, einer ambulanten Praxis oder einem Ausbildungsinstitut. Du behandelst Patient/innen unter Supervision, absolvierst theoretische Einheiten und wirst dabei vergütet. Nicht großzügig, aber du hast rechtlich einen ganz anderen Status.

Erst nach Abschluss der Weiterbildung und bestandener Prüfung darfst du dich eigenständig niederlassen oder eine Kassenzulassung beantragen.

Und hier kommt ein Punkt, den ich wichtig finde und der oft unterschlagen wird: Eine Kassenzulassung ist nicht garantiert. Die Zulassungen sind regional begrenzt. Es kann sein, dass du nach all diesen Jahren in einem Ballungsraum auf einen freien Kassenplatz wartest – oder umziehen musst, um einen zu bekommen. Mitunter werden Kassensitze auch für mehrere Zentausende Euro weiterverkauft. Wer das von Anfang an weiß, kann besser planen.


Was kostet der Weg – und was verdient man am Ende?

Das ist die Frage, die fast alle haben und über die erstaunlich wenig Konkretes im Netz steht. Also: Klartext.

Kosten

Neuer Weg (Direktstudium Psychotherapie ab 2020): Reguläre Studiengebühren – je nach Hochschule zwischen wenigen Hundert Euro (staatlich) und mehreren Tausend Euro pro Semester (privat). Die PiW-Phase ist vergütet. Die frühere, teuer selbst zu finanzierende Ausbildungsphase entfällt.

Alter Weg (Psychologiestudium + private Therapieausbildung, vor 2020): Studienkosten plus 20.000–30.000 Euro Ausbildungsgebühren, zuzüglich Eigentherapie, Supervision, Literatur und Fortbildungen. Für viele bedeutete das: Kredit aufnehmen oder jahrelang nebenher jobben.

Heilpraktiker-Weg: Vorbereitungskurs: ca. 500–1.500 Euro. Günstiger Einstieg – aber mit den oben genannten Einschränkungen.

Gehalt

Angestellt (Klinik, MVZ, Beratungsstelle): Einstieg: ca. 3.500–4.500 Euro brutto. Mit Erfahrung und Spezialisierung: 5.000–5.500 Euro und mehr. Die genauen Stufen richten sich nach Tarifverträgen (TVöD oder TV-L).

Niedergelassen (eigene Praxis mit Kassenzulassung): Bei guter Auslastung sind 60.000–100.000 Euro Jahresgewinn vor Steuern realistisch. Aber: davon gehen Praxiskosten, Krankenversicherung, Altersvorsorge und Einkommensteuer ab. Was netto übrig bleibt, ist deutlich weniger als die Bruttosumme vermuten lässt.

Heilpraktiker/in für Psychotherapie: Stundensatz typischerweise 80–120 Euro – aber die Auslastung hängt vollständig davon ab, wie viele Selbstzahler man gewinnt. Keine Kassenabrechnung bedeutet: mehr Akquise, weniger Planbarkeit.

Mein Fazit zur finanziellen Seite: Der Weg ist lang, und die Anfangsphase ist finanziell kein Selbstläufer. Wer später mit Kassenzulassung niedergelassen arbeitet, kann sehr gut verdienen – aber es ist kein garantiertes Ergebnis. Die Nachfrage ist hoch, die Plätze sind begrenzt. Das sollte von Anfang an in der Planung stehen.


Was kommt nach der Zulassung? Die eigene Praxis in der Praxis

Hier fängt das an, was in der Ausbildung selten vorkommt: das Unternehmerische. Wer aus dem Studium kommt, denkt in Diagnosen und Therapiekonzepten – nicht in Mietverträgen und Buchhaltung. Das ist menschlich. Und trotzdem kommt man daran nicht vorbei.

Datenschutz (DSGVO): Patientendaten sind hochsensibel. Du brauchst sichere Praxissoftware, einen Vertrag zur Auftragsdatenverarbeitung mit Softwareanbietern und eine Datenschutzerklärung für Patient/innen.

Räumliche Anforderungen: Ein Therapieraum, ein Wartebereich, hygienische Standards, idealerweise Barrierefreiheit. Je nach Therapieverfahren kommen Diagnostikmaterialien und therapeutische Hilfsmittel dazu.

Finanzen und Steuern: Als Niedergelassene/r meldest du dich als Freiberufler/in beim Finanzamt an. Separates Geschäftskonto, Buchhaltung, realistische Planung der Startkosten – eine Praxis kostet Geld, bevor sie Geld einbringt.

Marketing: Mit Kassenzulassung und Eintrag in Therapeutenverzeichnisse füllen sich die Wartelisten schnell von selbst. Ohne Zulassung – als Heilpraktiker/in oder Coach – ist eigenes Marketing unerlässlich: professionelle Website, ggf. Social-Media-Präsenz, Networking.

Rechtliche Beratung: Ich empfehle, zu Beginn Beratung von einem Fachanwalt für Heilberufe in Anspruch zu nehmen. Die Fallstricke im Berufsrecht sind zahlreicher, als man zunächst denkt.

Persönliche Voraussetzungen: Unternehmerisches Denken, Organisationsfähigkeit und die Bereitschaft zur Selbstreflexion sind keine netten Extras, sondern echte Voraussetzungen. Regelmäßige Supervision und Weiterbildung sind ethische Pflicht – und in vielen Fällen berufsrechtlich verankert.


Häufige Fragen

Wie lange dauert es, Psychotherapeut/in zu werden? Nach dem neuen Gesetz: 3 Jahre Bachelor + 2 Jahre Master + ca. 2–3 Jahre PiW-Phase = mindestens 7–8 Jahre bis zur eigenständigen Niederlassung. Über den alten Weg dauerte es oft länger – und kostete mehr.

Kann ich Psychotherapeut/in werden ohne Studium? Ohne Hochschulabschluss ist eine Approbation nicht möglich. Die Alternative ist die Heilpraktikerprüfung für Psychotherapie – ohne Kassenabrechnung und mit eingeschränktem Tätigkeitsfeld. Coaching ist ebenfalls möglich, gilt rechtlich aber nicht als Psychotherapie.

Welches Therapieverfahren sollte ich für die Weiterbildung wählen? Das hängt von deinen inhaltlichen Interessen, deiner Persönlichkeit und – ganz praktisch – der regionalen Verfügbarkeit von Weiterbildungsplätzen ab. Verhaltenstherapie hat die meisten Kassenzulassungen und Weiterbildungsplätze. Systemische Therapie ist erst seit 2019 als Richtlinienverfahren zugelassen, gewinnt aber an Bedeutung. Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sind intensiver im Zeitaufwand und werden von manchen als besonders persönlichkeitsformend erlebt.

Was verdient man in der PiW-Phase? Die Vergütung in der PiW-Phase wurde lange politisch diskutiert und schrittweise verbessert. Konkrete Zahlen variieren je nach Einrichtung und Bundesland – rechne mit einem Gehalt, das deutlich unter dem späteren Niveau liegt, aber eine ernsthafte Vergütung darstellt.

Was kostet die gesamte Ausbildung? Über den neuen Weg (Direktstudium ab 2020): reguläre Studiengebühren, PiW ist vergütet. Über den alten Weg: 20.000–30.000 Euro für die Ausbildungsphase allein, zuzüglich Eigentherapie und Supervision.

Kann ich mit einem Kassenzulassung sofort eine Praxis eröffnen? Ja – aber die Zulassung bekommst du nicht automatisch. Zulassungen sind regional begrenzt und werden über Zulassungsausschüsse vergeben. In manchen Regionen gibt es jahrelange Wartezeiten, in anderen freie Plätze. Das sollte Teil deiner Planung sein.


Was ich dir mitgeben möchte

Der Weg zur eigenen Praxis ist lang. Das lässt sich nicht schönreden – und ich halte es für einen Fehler, das zu versuchen. Aber er ist machbar. Und wer ihn mit offenen Augen beginnt, ist deutlich besser vorbereitet als jemand, der sich erst nach dem Masterabschluss mit der PiW-Phase beschäftigt.

Was mich persönlich am meisten überrascht hat: Wie wenig über die unternehmerische Seite gesprochen wird. Therapeutisch gut zu sein reicht nicht aus. Man braucht auch das Handwerkszeug, um eine Praxis zu führen – und die Bereitschaft, sich das anzueignen.

Wenn du gerade am Anfang dieser Recherche bist und dir der Kopf schwirrt: Das ist normal. Es ist wirklich viel. Aber es wird klarer, je mehr du dich damit beschäftigst. Falls du noch dabei bist, dich für (oder gegen) ein Psychologiestudium zu entscheiden, dann empfehle ich dir diesen Artikel hier. Dort findest du die wichtigsten Basics rund um Anbieter, Finanzierung und Planung in Kürze zusammengefasst.


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