Ich saß an einem Freitag nachmittags mit einer Freundin am See. Wir aßen ein Eis. Es war Sommer und tatsächlich kamen solche spontanen Treffen in diesem Sommer selten vor. Meine Freundin – eine der Menschen, die ich wirklich mag – schaute mich an und sagte: „Du siehst erschöpft aus. Warum tust du dir das eigentlich an?“
Ich atmete kurz durch. Nicht weil die Frage böse gemeint war. Sondern weil sie gut gemeint war – und trotzdem so unglaublich am Kern vorbeischoss. Ich war erschöpft. Ja. Ich hatte eine lange Arbeitswoche hinter mir, danach zwei Abende am Schreibtisch gesessen, und jetzt saß ich am See und hätte am liebsten einfach nur present sein wollen.
Aber ich konnte nicht. Denn hinter dem Satz hing noch ein weiterer: „Du machst dir das selbst schwer.“
Kennst du solche Momente? Ich kenne sie mittlerweile sehr, sehr gut.
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Wenn du berufsbegleitend studierst, dann existierst du für viele Menschen in deinem Umfeld in einer Art Paralleluniversum. Sie sehen dich zwar. Aber sie sehen eine Version von dir, die sie sich zusammengebaut haben aus dem, was du erzählst – und was sie sich darunter vorstellen können.
Was sie sich vorstellen: Du lernst ab und zu ein bisschen was. Du liest interessante Bücher über Menschenpsyche. Du machst das irgendwie „nebenher“, weil du halt so ein Typ bist, der immer vieles gleichzeitig macht.
Was die Realität ist: Du stehst morgens früher auf als du müsstest. Du gehst abends später ins Bett, als gut für dich wäre. Du planst deinen Urlaub nach Prüfungsdaten. Du sagst zu Verabredungen nein – nicht weil du nicht willst, sondern weil du es zeitlich schlicht nicht schaffst. Du trägst ein permanent schlechtes Gewissen mit dir: gegenüber dem Job, gegenüber der Familie, gegenüber Freunden. Und manchmal gegenüber dir selbst.
Das klingt anstrengend – weil es anstrengend ist. Und trotzdem erwartet dein Umfeld oft, dass du trotzdem funktionierst. Dass du präsent bist. Dass du eine gute Laune mitbringst. Dass du dir nichts anmerken lässt.
„Das hast du dir doch selbst ausgesucht.“
Das ist vermutlich der Satz, der am meisten wehtut. Und gleichzeitig der, der am häufigsten kommt.
Er wird selten böse gemeint. Oft kommt er von Menschen, die uns eigentlich wohlgesonnen sind. Aber er enthält eine implizite Botschaft: Wenn du leidest, bist du selbst schuld. Du hättest es ja lassen können.
Was an diesem Satz stimmt: Ja, du hast dich freiwillig für das Studium entschieden. Niemand hat dich gezwungen. Das ist richtig.
Was an diesem Satz nicht stimmt: Dass Freiwilligkeit automatisch bedeutet, dass man keine Unterstützung verdient. Dass man keine schwachen Momente haben darf. Dass Erschöpfung durch Selbstwahl irgendwie weniger real ist.
Ein Vater, der sich freiwillig für Kinder entschieden hat, darf sagen, dass er heute erschöpft ist. Eine Unternehmerin, die sich freiwillig für die Selbstständigkeit entschieden hat, darf sagen, dass es gerade zu viel ist. Und du, die oder der sich freiwillig für ein berufsbegleitendes Studium entschieden hat, darfst sagen, dass du gerade an deiner Grenze bist.
Die zweite Gruppe: die heimlichen Bewunderer
Neben denen, die dir sagen, dass du dir das selbst eingebrockt hast, gibt es noch eine andere Gruppe. Sie sind vielleicht sogar in der Mehrheit.
Das sind die Menschen, die dir sagen: „Respekt, ich könnte das nie.“ Oder: „Das würde ich auch so gerne machen.“ Oder: „Du bist so diszipliniert, ich bin da leider nicht so.“
Das klingt nach Wertschätzung. Und vielleicht ist es das auch, zum Teil. Aber dahinter steckt manchmal etwas, das sich – wenn man ehrlich ist – ein bisschen seltsam anfühlt: Sie bewundern das Ergebnis, ohne den Preis sehen zu wollen.
„Das würde ich auch so gerne machen“ – aber nicht mit den Abenden, die du für dein Studium geopfert hast (von den Nachtschichten ganz zu schweigen). Nicht mit dem Urlaub, den du nicht gemacht hast. Nicht mit dem Gefühl, manchmal gleichzeitig überall und nirgendwo zu sein und alles einfach hinschmeißen zu wollen.
Das ist keine Kritik an diesen Menschen. Es ist verständlich, dass man etwas bewundert und trotzdem nicht bereit ist, den Preis dafür zu zahlen. Aber was es manchmal auslöst – und das ist das Schwierige daran – ist ein Gefühl von tiefer Einsamkeit. Du wirst gesehen für das, was du leistest. Aber nicht für das, was es dich kostet.
Warum es so schwer ist, sich Hilfe zu holen
Wenn du kurz vor dem Burnout stehst oder einfach nur unfassbar müde bist – an wen wendest du dich dann?
Das ist eine Frage, die ich mir selbst lange nicht gestellt habe. Ich habe einfach weitergemacht, weil mir niemand Alternativen angeboten hat. Und weil ich wusste, was käme: entweder das Mitleid mit dem leichten Hauch von selbst schuld, oder die Bewunderung, die sich anfühlt wie Distanz.
Was hinzukommt: Im berufsbegleitenden Fernstudium fehlt oft die Gemeinschaft, die Präsenzstudierende haben. Du hast keine Kommilitoninnen und Kommilitonen, mit denen du nach einer schlechten Klausur zusammen in der Mensa sitzt. Kein Studentenleben, das eine Art Auffangnetz bildet. Das Fernstudium ist strukturell einsam – und das macht es umso wichtiger, sich gezielt Unterstützung zu suchen, um es wirklich durchzuziehen.
Was ich gelernt habe: Man muss sich diese Unterstützung manchmal aktiv aufbauen. Sie wartet nicht darauf, gefunden zu werden.
Was wirklich hilft – und was eher nicht
Was nicht hilft:
Erklärungen. Der Versuch, deinem Umfeld zu erklären, wie viel du wirklich leistest. Vielleicht aus dem Impuls heraus, endlich gesehen zu werden. Es kostet Energie – und führt selten dazu, dass das Gegenüber wirklich versteht, was es bedeutet, drei Rollen gleichzeitig zu bespielen.
Rechtfertigung. Du schuldest niemandem eine Erklärung dafür, warum du erschöpft bist. Das klingt hart, ist aber eine der wichtigsten Dinge, die ich gelernt habe.
Perfektionismus als Schutzschild. Manche von uns funktionieren nach außen hin so gut, dass das Umfeld gar keine Chance hat zu merken, wie es innen aussieht. Das schützt kurzfristig vor unangenehmen Kommentaren – aber es verhindert auch, dass du echte Unterstützung bekommst.
Was hilft:
Menschen finden, die es kennen. Bei denen du dich nicht erklären musst. Menschen, die selbst berufsbegleitend studieren oder studiert haben, verstehen auf Anhieb, wovon du sprichst. Foren, Facebook-Gruppen, Communitys – sie sind manchmal mehr wert als lange Gespräche mit dem besten Freund, der das Leben aus einer anderen Perspektive kennt.
Selektiv sein. Nicht jeder Mensch in deinem Leben muss alles verstehen. Manche Freundschaften sind für gute Zeiten da. Andere für ehrliche Gespräche. Andere für ablenkenden Spaß. Du musst nicht von jeder Person alles erwarten.
Grenzen benennen – klar und freundlich. Nicht als Ansage, sondern als Information: „Ich habe gerade eine intensive Phase. Ich bin vielleicht weniger erreichbar, aber es hat nichts mit dir zu tun.“ Das ist keine Entschuldigung. Aber es ist Kommunikation, deren Klarheit viele Menschen zu schätzen wissen.
Professionelle Unterstützung in Betracht ziehen. Wenn das Gefühl der Erschöpfung und Einsamkeit anhält, ist es keine Schwäche, sich Hilfe zu holen. Viele Hochschulen bieten psychologische Beratungsstellen an – auch für Fernstudierende. Darüber hinaus gibt es niedrigschwellige Angebote wie die Telefonseelsorge (kostenlos, anonym, 0800 111 0 111) oder Online-Beratungsangebote.
Was ich meinem Umfeld heute sage – und was nicht
Ich habe aufgehört, alles erklären zu wollen. Das war eine der befreiendsten Entscheidungen.
Was ich heute sage: „Ich habe gerade eine intensive Phase im Studium. Ich melde mich, wenn es ruhiger wird.“ Oder: „Ich bin erschöpft. Ich brauche heute kein Input, nur Gesellschaft.“ Das ist oft genug.
Was ich nicht mehr sage: Die lange Version. Die Rechtfertigung. Den Versuch, jemanden dazu zu bringen, zu verstehen, was er oder sie nicht erlebt hat.
Das klingt vielleicht kalt, ist aber keinesfalls so gemeint. Es ist einfach eine Form von Selbstschutz, die mir erst mit der Zeit verständlich geworden ist. Selbstfürsorge im Fernstudium bedeutet nicht nur, genug zu schlafen und Sport zu machen (auch wenn ich diese Dinge wärmstens empfehlen kann). Es bedeutet auch: emotionale Energie dort investieren, wo sie ankommt.
Was die Psychologie dazu sagt: Soziale Unterstützung und warum sie so wichtig ist
Es gibt reichlich Forschung dazu, wie sehr soziale Unterstützung unsere Resilienz beeinflusst. Der Sozialpsychologe James Pennebaker hat in mehreren Studien gezeigt, dass das bloße Aussprechen belastender Erlebnisse – das Gefühl, gehört zu werden – messbar Stress reduziert. Es ist nicht nur subjektiv wohltuend. Es wirkt physiologisch.
Das Gegenteil – das Gefühl, nicht verstanden zu werden, allein zu tragen, unsichtbar zu sein – ist entsprechend belastend. Das nennt sich in der Forschung perceived social isolation, also wahrgenommene soziale Isolation. Und sie kann auch dann entstehen, wenn man objektiv von Menschen umgeben ist, die einen mögen. Es reicht nicht, gemocht zu werden. Es braucht das Gefühl, wirklich gesehen zu werden.
Was, wenn du gerade an genau diesem Punkt bist?
Dann möchte ich dir nicht sagen, dass du stark bist. Das willst du ja gerade vielleicht gar nicht sein.
Was ich dir sagen möchte: Du musst das nicht alleine tragen. Auch wenn es sich im Moment so anfühlt.
Wenn das Umfeld gerade nicht das geben kann, was du brauchst – dann gibt es andere Orte. Andere Menschen. Manchmal reicht ein Forum, ein ehrlicher Artikel, ein Gespräch mit jemandem, der dieselbe Erschöpfung kennt. Manchmal hilft es, die eigenen Gedanken zu sortieren – Journaling ist dabei überraschend wirksam.
Und manchmal reicht es, sich selbst zu sagen: Ja. Das ist gerade wirklich viel. Du musst das nicht kleinreden. Du musst nicht so tun, als ob nicht wäre, was ist.
Du hast dich freiwillig für dieses Studium entschieden – und du verdienst trotzdem Unterstützung, Verständnis und Mitgefühl. Das eine schließt das andere nicht aus.
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