Ich hatte keinen Plan. Keinen triftigen beruflichen Grund, keine Forschungsambition, keine saubere Begründung, die ich irgendwo hätte hinschreiben können. Ich hatte einen Abschluss in Literaturwissenschaften und eine Neugierde auf Psychologie, die einfach nicht verschwinden wollte – egal wie viele Jahre vergingen.
Was ich auch hatte: einen Berg an Formularen, Fristen und Fachbegriffen, durch den ich mich erst einmal durchkämpfen musste. Denn ein Zweitstudium – also ein Studium, das du anfängst, nachdem du bereits einen Abschluss in einem anderen Fach erworben hast – ist bürokratisch eine eigene Welt. In diesem Artikel erfährst du alles zu Sonderquoten, Punkteverfahren, Finanzierung und die Wege, die es auch dann noch gibt, wenn die offizielle Route sich versperrt.
Gründe für ein Zweitstudium
Ein Zweitstudium ist ein Studium, welches völlig unabhängig von einem weiteren Erststudium begonnen wird. Wenn du einen Bachelorabschluss in der Tasche hast und ein Masterstudium anfängst, welches darauf aufbaut, handelt es sich nicht um ein Zweitstudium. Wenn du ursprünglich studierte Chemikerin bist und nun beschließt, Psychologie im Bachelor zu studieren, dann hingegen schon.
Ein Zweitstudium kann immer dann sinnvoll sein, wenn du dich beruflich noch einmal grundlegend umorientieren möchtest oder ein großes Interesse an deinem Fach hast. Ich zum Beispiel habe mich immer schon sehr für Psychologie interessiert und denke nicht, dass sich das irgendwann ändert. Vermutlich hätte ich mein Studium selbst dann begonnen, wenn ich absolut keine Absichten hätte, später damit beruflich etwas zu machen – einfach so, weil die Neugierde so groß war und immer noch ist.
Wie lässt sich das Zweitstudium in Psychologie finanzieren?
Die Hürden beim Zweitstudium in Psychologie sind hauptsächlich formaler und bürokratischer Natur. Dennoch ist es wichtig, auch die Finanzierungssituation realistisch einzuschätzen.
- BAföG: In der Regel kein BAföG im Zweitstudium – außer wenn beide Abschlüsse zwingend für ein bestimmtes Berufsziel nötig sind (§ 7 Abs. 2 BAföG).
- Kindergeld: Selten noch eine Option, da Zweitstudierende meist bereits über 25 Jahre alt sind.
- Studiengebühren: An staatlichen Hochschulen einiger Bundesländer fallen zusätzliche Gebühren an. Informiere dich vorab über die Regelungen deines Bundeslandes.
- Eigene Rücklagen / Nebenjob: Ein finanzieller Puffer oder die Möglichkeit, nebenbei zu arbeiten, ist ideal.
Weitere Finanzierungsmöglichkeiten findest du im Artikel Berufsbegleitendes Studium finanzieren – die besten Möglichkeiten.
Steuerliche Vorteile: Werbungskosten im Zweitstudium
Ein oft übersehener Vorteil des Zweitstudiums: Studienkosten können unter bestimmten Voraussetzungen als Werbungskosten steuerlich abgesetzt werden – und das ist für viele Zweitstudierende ein entscheidender finanzieller Motivator.
Während Kosten eines Erststudiums (ohne vorherige Berufsausbildung) lediglich als Sonderausgaben bis 6.000 € absetzbar sind, gilt beim Zweitstudium in der Regel: Die Aufwendungen sind vollständig als Werbungskosten abziehbar – ohne Höchstbetrag.
Welche Kosten können abgesetzt werden?
- Studiengebühren und Semesterbeiträge
- Lernmaterialien (Bücher, Skripte, Software)
- Fahrtkosten zur Hochschule (Entfernungspauschale 0,30 € / km)
- Arbeitsmittel (Laptop, Drucker, Schreibtisch anteilig)
- Prüfungsgebühren
Besonders wichtig: Entstehen durch das Zweitstudium Verluste (weil du (noch) keine entsprechenden Einnahmen erzielst), können diese als Verlustvortrag in zukünftige Steuerjahre vorgetragen werden. Das kann sich nach dem Abschluss deutlich auszahlen.
💰 Tipp: Sammle während des Studiums alle Belege sorgfältig und gib jedes Jahr eine Steuererklärung ab – auch wenn du (noch) keine Steuern zahlst. Der Verlustvortrag wird amtlich festgestellt und später verrechnet. Weitere Infos beim Bundeszentralamt für Steuern.
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Die wenigsten Menschen kennen jemanden in ihrem Umfeld, der ein Zweitstudium erfolgreich absolviert hat. Umso wahrscheinlicher ist es, dass sie zunächst überfordert mit den formalen Hürden sind. In diesem Fall heißt es: ruhig bleiben und sich alles genau anschauen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal auf das Wort „Sonderquote“ gestoßen bin und erstmal googeln musste, was das überhaupt bedeutet. Wenn es dir ähnlich geht: Keine Panik. Es ist komplizierter als beim Erststudium – aber es ist zu verstehen.
Die Sonderquote ist die größte Hürde bei zulassungsbeschränkten Studiengängen. Da Psychologie in den meisten Fällen zulassungsbeschränkt ist, wird diese Quote für dich relevant sein.
An privaten Hochschulen sieht das häufig anders aus. Wenn du in der Lage bist, die hohen Gebühren zu zahlen (in der Regel zwischen 600 und 800 Euro pro Monat), wäre das möglicherweise eine Alternative.
Was bedeutet die Sonderquote konkret? Die meisten Hochschulen reservieren 2–4 % der Studienplätze für besondere Fälle – darunter Zweitstudierende. Bewirbst du dich an einer Uni mit 300 Psychologie-Plätzen, gehen davon also maximal 12 an Zweitstudierende. Für diese 12 Plätze gibt es ein gesondertes Zulassungsverfahren, bei dem deine Begründung und deine Erststudiumsnote entscheidend sind.
Punktevergabe für die Sonderquote
Das Zulassungsverfahren basiert auf einem Punktesystem. Je besser du deine Entscheidung für das Zweitstudium begründen kannst, desto mehr Punkte sammelst du. Hier eine Übersicht:
| Begründungskategorie | Max. Punkte | Voraussetzung |
| Wissenschaftliche Gründe | bis 9 Punkte | Forschungstätigkeit + Gutachten der Hochschule nötig |
| Berufliche Gründe (beide Abschlüsse zwingend nötig) | bis 9 Punkte | Nachweis, dass beide Abschlüsse für das Berufsziel erforderlich sind |
| Besondere berufliche Gründe (neues Berufsfeld erschlossen) | bis 7 Punkte | Kombination beider Abschlüsse öffnet neues Berufsfeld |
| Sonstige berufliche Gründe (Erweiterung des Tätigkeitsfeldes) | bis 4 Punkte | Berufliche Erweiterung nachvollziehbar begründet |
| Berufliche Auszeit (z. B. Familienplanung) | 2 Punkte | Nachweis längerer Unterbrechung aus familiären Gründen |
💡 Tipp: Es ist häufig gar nicht so klar, in welche Gruppe dein Vorhaben passt. Eine gut formulierte, schlüssige Begründung kann den Ausschlag geben. Nimm dir dafür wirklich Zeit!
Was, wenn die Punkte nicht ausreichen?
Das beschriebene Verfahren ist für Psychologie weit verbreitet – das bedeutet jedoch nicht, dass du deinen Wunsch gleich aufgeben musst. Es gibt Ausnahmen und Alternativen, die im Zweitstudium tatsächlich anders funktionieren als für Erstsemester.
Hamburg und Bremen sind die bekanntesten Ausnahmen: In Hamburg gibt es keine gesonderte Zweitstudierendenquote – du bewirbst dich mit deiner Abiturnote wie alle anderen. In Bremen kannst du dir sogar aussuchen, ob Abitur- oder Erststudiumsnote eingerechnet wird. Für beide Optionen gilt: Informiere dich direkt bei der jeweiligen Uni, weil sich Zulassungssatzungen ändern können.
Privatunis sind für Zweitstudierende eine besondere Überlegung wert – und zwar aus einem Grund, der im Erststudium weniger relevant ist: Das Punkteverfahren fällt komplett weg. Du bewirbst dich in der Regel über einen Eignungstest oder ein Motivationsschreiben, nicht über deine Begründungskategorie. Das kann ein echter Vorteil sein, wenn dein beruflicher Hintergrund schwer in das Punkteschema passt. Der Haken bleibt derselbe wie für alle: monatliche Kosten zwischen 600 und 800 Euro, und BAföG gibt es im Zweitstudium in aller Regel nicht. Das ist also eine Option, die eine solide Finanzierungsplanung voraussetzt – mehr dazu weiter oben im Artikel.
Das Losverfahren solltest du nicht unterschätzen: Sollten nach der Punktevergabe noch Plätze übrig sein, entscheidet das Los. Bewirb dich also ruhig auch an Hochschulen, bei denen du dir weniger Chancen ausrechnest.
Übrigens: Wenn du grundsätzlich überlegst, den NC zu umgehen – also unabhängig vom Zweitstudium –, findest du auf dem Blog einen eigenen Artikel zu Wartesemestern, Auslandsstudium und Studienplatzklage. Das sind Wege, die für Zweitstudierende teils anders funktionieren, teils aber auch eine echte Alternative sein können.
Mein persönlicher Weg zum Zweitstudium in Psychologie
Ich bin damals noch einen etwas anderen Weg gegangen. Mit meinem Erststudium (Literaturwissenschaften) konnte ich weder berufliche noch wissenschaftliche Gründe anbieten. Ich habe mich daher an der Fernuni Hagen NC-frei eingeschrieben.
Da der Bachelor in Hagen kein klinisches Modul beinhaltet und ich mir vorstellen könnte, später im klinischen Bereich zu arbeiten, habe ich innerhalb des Bachelorstudiums die Universität gewechselt. Nun studiere ich an einer staatlichen Präsenz-Uni. Beim Hochschulwechsel innerhalb desselben Studiengangs gelten andere Regeln – ob Erst- oder Zweitstudium ist für die Zulassung dann irrelevant.
Von etwa 50 ECTS wurden mir damals rund die Hälfte anerkannt – zeitlich habe ich ein Semester verloren, was für mich vollkommen in Ordnung war. Die Bewerbung erfolgte auf Basis meiner bisherigen Psychologie-Noten.
War es der einfachste Weg? Nein. War es der richtige? Für mich ja. Ich glaube, das ist der Kern dessen, was ich dir mit diesem Artikel sagen möchte: Es gibt selten den einen perfekten Weg ins Zweitstudium. Es gibt den Weg, der für dich funktioniert – und den findest du nur, wenn du anfängst, dich durch die Bürokratie zu wühlen, statt vorher aufzugeben.
Zweitstudium in Psychologie kann gelingen!
Ich hoffe, ich habe dich mit meinen Ausführungen nun nicht allzu sehr verunsichert. Tatsächlich ist es nicht ganz unkompliziert, einen Studienplatz für ein Zweitstudium in Psychologie zu ergattern – aber es ist möglich.
Meine Empfehlungen:
- Informiere dich vorab, an welchen Universitäten welche Regeln gelten.
- Bewirb dich breit gefächert an mehreren Hochschulen.
- Starte mit einem finanziellen Puffer oder der Möglichkeit, nebenbei zu arbeiten, um nicht aus finanziellen Gründen das Studium abbrechen zu müssen.
- NC-frei studieren an Fernunis oder im Ausland ist eine echte Alternative – besonders für Berufstätige.
- Vergiss nicht, deine Studienkosten steuerlich als Werbungskosten geltend zu machen!
Du überlegst, ein Zweitstudium in Psychologie zu beginnen, und hast noch offene Fragen rund um Bewerbung, Studienorganisation oder Finanzierung? Im Newsletter teile ich regelmäßig neue Artikel zu genau diesen Themen. Du interessierst dich für meine Inhalte, hast aber keine Lust, dich durch jeden Blogeintrag einzeln zu klicken? Dann schau dir mal mein Buch an, um alle wichtigen Infos griffbereit zu haben!
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