„Warum tust du dir das an?“
Das war die häufigste Reaktion, als ich erzählte, dass ich mit 30 nochmal studieren würde. Und ehrlich gesagt: Die Frage ist berechtigt. Ein berufsbegleitendes Studium ist kein Selbstläufer. Es kostet Zeit, Energie und manchmal auch Nerven.
In diesem Artikel geht es nicht um meinen persönlichen Erfahrungsbericht – den findest du hier. Hier geht es um die sachlichen Fragen, die du dir stellen solltest, bevor du anfängst: Welche Vorteile hat ein Studium mit 30+ wirklich? Welches Studienmodell passt zu dir? Und wie finanzierst du das Ganze?
5 echte Vorteile, wenn du mit 30+ studierst
Wer mit 30 oder später studiert, hat gegenüber 20-Jährigen ein paar handfeste Vorteile – auch wenn das auf den ersten Blick nicht so aussieht.
1. Du weißt, warum du es tust
Wer direkt nach dem Abitur studiert, ist oft noch in einer Findungsphase. Die Entscheidung für ein Fach passiert nicht selten aus Druck oder Orientierungslosigkeit heraus. Wer mit 30 nochmal studiert, hat sich das Warum meistens sehr genau überlegt. Das wirkt sich direkt auf die Motivation aus – auch in den Phasen, in denen es schwer wird.
2. Du bist finanziell stabiler
Viele junge Studierende jonglieren mehrere Nebenjobs, um ihr Studium zu finanzieren. Wer bereits gearbeitet und etwas zurückgelegt hat, geht entspannter in das Studium. Und wer berufsbegleitend studiert, hat ohnehin ein Einkommen – der Kopf ist freier für die Inhalte, auch wenn das Studium insgesamt vielleicht länger dauert.
3. Deine Berufserfahrung ist ein echter Vorteil
Im Studium begegnest du Theorien, die du vielleicht aus deinem Arbeitsalltag bereits kennst – oder bewusst hinterfragen kannst. Das macht das Lernen konkreter und oft auch effizienter. Und auf dem Arbeitsmarkt ist die Kombination aus akademischem Abschluss und praktischer Erfahrung gefragter denn je.
4. Du kennst dich selbst besser
Mit Mitte 30 weißt du in der Regel, wie du unter Druck arbeitest, wie du ideale Lerntage planst, wann du Pausen brauchst, wie du dich vom Prokrastinieren abhalten kannst und was dich motiviert. Du weißt, wann du nur eine Durststrecke hast und wann du ernsthaft darüber nachdenken solltest, das Studium abzubrechen. Das klingt banal – ist aber ein enormer Vorteil gegenüber jemandem, der diese Selbstkenntnis erst im Studium entwickeln muss.
5. No regrets
Sehr oft, wenn ich erzähle, dass ich Psychologie studiere, kommt die Reaktion: „Ich wollte das auch immer – habe es aber nie gemacht.“ Wer den Schritt wagt, muss sich diese Frage nicht mehr stellen. Und selbst wenn es am Ende schwerer wird als gedacht: Die Gewissheit, es versucht zu haben, ist meistens wertvoller als die Bequemlichkeit des Nicht-Versuchens.
Diese Hürden kommen auch dich zu
Ein berufsbegleitendes Studium hat auch Schattenseiten. Die drei häufigsten Gründe, warum Menschen abbrechen:
Weniger Freizeit als erwartet. „Ich lerne einfach abends ein bisschen“ – das klingt realistisch, ist es aber nicht. Prüfungen, Hausarbeiten und berufliche Deadlines fallen zusammen. Wochenenden und Urlaub werden zum Lernen genutzt. Zeit für Freunde und Hobbies bleibt nur noch wenig. Produktiver zu lernen ist kein Nice-To-Have sondern überlebensnotwendig. Manchmal hat man das Gefühl, nichts so richtig zu machen und nirgendwo präsent sein zu können – das schlechte Gewissen ist immer mit im Gepäck. An manchen Tagen fühlst du dich mental komplett ausgelaugt – ein Phänomen, das auch „Ego Depletion“ genannt wird (und das ich in diesem Artikel ausführlicher beschreibe). Wer das nicht einkalkuliert, wird früher oder später kalt erwischt.
Dauerhafte Müdigkeit. Nach einem langen Arbeitstag noch wirklich konzentriert lernen – das gelingt nicht immer. Es braucht wirklich gute Stressmanagement-Strategien, um nicht am Ende komplett auszubrennen. Vor allem als Psychologiestudentin weiß ich außerdem, wie wichtig es ist, ausreichend zu schlafen, wenn man psychisch leistungsfähig bleiben möchte. Wer merkt, dass er Zeit investiert, aber nicht wirklich aufnahmefähig ist, braucht Strategien für effizienteres Lernen. Das Buch (es folgt ein Affiliate-Link) „How to Fernstudium“ von Markus Jung und Dr. Tim Reichel ist dafür ein praxisnaher Begleiter.
Zweifel kommen schneller als gedacht. Besonders am Anfang fragt man sich: War das wirklich eine gute Idee? Das ist normal. Wer sich sein Warum von Anfang an klar macht, übersteht diese Phasen leichter.
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Nicht alle Studienmodelle sind gleich gut mit Berufstätigkeit vereinbar. Hier ist ein direkter Vergleich:
| Kriterium | Fernstudium | Abendstudium | Präsenzstudium |
|---|---|---|---|
| Zeitliche Flexibilität | Sehr hoch | Mittel | Gering |
| Vereinbarkeit mit Vollzeitjob | Sehr gut | Gut | Schwierig |
| Sozialer Austausch | Gering | Mittel | Hoch |
| Selbstdisziplin nötig | Sehr hoch | Mittel | Mittel |
| Kosten | Oft günstiger | Mittel bis hoch | Gering bis mittel |
| Geeignet für… | Voller Terminkalender, Eltern, Pendler | Wer Struktur und Austausch braucht | Wer das Studium in den Mittelpunkt stellen kann |
Mein Fazit: Das Fernstudium eignet sich hervorragend, wenn du weißt, was du willst, und in der Lage bist, dich selbst zu motivieren. Wer dagegen feste Termine und ein soziales Umfeld braucht, ist mit einem Präsenzstudium oft besser bedient.
Wenn du noch in der Planungsphase bist und nicht weißt, ob das Fernstudium das Richtige für dich ist, empfehle ich „100 Fragen und Antworten zum Fernstudium“ von Markus Jung und Anne Oppermann (ebenfalls ein Affiliate-Link) – ein idealer Einstieg für alle, die noch viele offene Fragen haben.
Finanzierung & Steuern: Was du als Ü30-Studierende:r wissen solltest
Das ist der Teil, über den online erstaunlich wenig Konkretes steht. Also: Klartext.
Studienkosten steuerlich absetzen
Wenn du bereits berufstätig bist und das Studium der beruflichen Weiterbildung dient – also kein klassisches Erststudium direkt nach dem Abitur ist –, kannst du viele Kosten als Werbungskosten geltend machen:
- Studiengebühren
- Fahrtkosten zu Präsenzveranstaltungen
- Fachliteratur
- Arbeitsmittel wie Laptop oder Drucker
Werbungskosten werden direkt vom zu versteuernden Einkommen abgezogen – das kann sich bei einem mittleren oder höheren Gehalt spürbar bemerkbar machen.
Handelt es sich hingegen um dein Erststudium, werden die Kosten nur als Sonderausgaben anerkannt – bis zu 6.000 Euro pro Jahr.
Arbeitsmittel clever abschreiben
Gegenstände bis zu einem Nettowert von 800 Euro – ein Tablet, ein Headset, Fachbücher – kannst du im Jahr der Anschaffung sofort vollständig abschreiben. Hebe alle Rechnungen sorgfältig auf.
Bildungsurlaub nutzen
In den meisten Bundesländern hast du als Arbeitnehmer:in Anspruch auf Bildungsurlaub – in der Regel fünf Tage pro Jahr, die du unabhängig von deinem normalen Jahresurlaub nehmen kannst. Besonders praktisch für Prüfungsvorbereitungen oder Blockveranstaltungen.
Mit dem Arbeitgeber reden
Viele Unternehmen übernehmen Studiengebühren ganz oder teilweise, wenn das Studium dem Betrieb direkt nützt. Achte dabei auf mögliche Rückzahlungsklauseln – üblich sind Bindungsfristen von zwei bis drei Jahren nach Abschluss.
FAQ
Lohnt sich ein berufsbegleitendes Studium mit 30 noch? Ja – und aus eigener Erfahrung würde ich sagen: oft mehr als mit 20. Du weißt, warum du es tust, bist finanziell stabiler und bringst Berufserfahrung mit, die dir im Studium einen echten Vorsprung gibt. Ein gesetzliches Höchstalter für ein Studium gibt es in Deutschland nicht.
Bekomme ich als Ü30-Studierende:r noch BAföG? Das hängt von deiner Situation ab. Klassisches BAföG ist an Altersgrenzen geknüpft – für ein Erststudium gilt in der Regel eine Grenze von 30 Jahren bei Studienbeginn, für einen Master 35 Jahre. Ausnahmen gibt es z.B. bei Kinderbetreuungszeiten. Alternativen sind der Bildungskredit und das Aufstiegs-BAföG – mehr dazu im Abschnitt Finanzierung weiter oben.
Kann ich mein Studium von der Steuer absetzen? In vielen Fällen ja. Wer bereits berufstätig ist und ein Weiterbildungs- oder Zweitstudium absolviert, kann Studiengebühren, Fachliteratur und Arbeitsmittel als Werbungskosten geltend machen. Beim Erststudium gelten die Kosten als Sonderausgaben – bis zu 6.000 Euro pro Jahr.
Welche Studienform eignet sich am besten für Berufstätige? Das kommt auf deinen Alltag an. Ein Fernstudium bietet die größte Flexibilität – du lernst orts- und zeitunabhängig. Berufsbegleitende Präsenzstudiengänge an Fachhochschulen sind oft als Abend- oder Wochenendmodell konzipiert und eignen sich gut, wenn dir der persönliche Austausch wichtig ist.
Was, wenn ich mitten im Studium merke, dass es nichts für mich ist? Dann hast du trotzdem etwas Wichtiges gewonnen: die Gewissheit. Die Fähigkeiten, die du dir im Studium erarbeitest – strukturiertes Denken, Selbstdisziplin, komplexe Inhalte durchdringen – sind selten umsonst. Und die nagende Frage „Was wäre gewesen, wenn…“ beantwortet sich von selbst.
Fazit
Ein berufsbegleitendes Studium mit 30+ ist kein einfacher Weg. Vor allem, wenn noch Kinder dazukommen, wird es um einiger komplizierter. Aber es ist machbar. Und wer ihn mit offenen Augen beginnt, ist deutlich besser vorbereitet als jemand, der sich erst nach dem ersten Semester mit der Realität beschäftigt.
Die wichtigste Frage ist nicht das Alter, sondern das Warum. Wer das kennt, findet auch einen Weg durch die schwierigen Phasen. Die passenden Tools helfen dir dabei, das Leben mit Doppel- oder Dreifachbelastung zu meistern.
Wann immer du also zweifeln solltest – und das wirst du – frag dich: Wäre es in 10 Jahren schlimmer, es versucht und gescheitert zu sein? Oder sich zu fragen, wie es hätte sein können?
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